Entnahmefenster statt starrem Brittelmaß

Im Juli 2026 hat die Bezirkshauptmannschaft Schwaz unsere fischereirechtliche Ausnahmebewilligung verlängert: In den Fischereirevieren Steinberger Ache und Schwarzbach dürfen Bachforellen ab 22 cm entnommen werden. Drei Zentimeter unter dem tirolweit geltenden Brittelmaß von 25 cm.

Im ersten Augenblick klingt das, als würden wir die Population größerem Druck aussetzen. In Wirklichkeit ist es aber die Anpassung an die lokalen Gegebenheiten in der Steinberger Ache, die zwischen 820 und 1500 m Seehöhe liegt. Ziel eines Mindestmaßes ist ja nicht, dass der Angler weiterfischen darf, bis er einen Fisch in Pfannengröße erwischt, sondern der Schutz der natürlichen Reproduktion. Das Mindestmaß sollte also so gewählt sein, dass jeder Fisch, der sich unter den Herausforderungen des Gewässers bewährt hat, mindestens einmal die Chance erhält seine Gene weiterzugeben.

Dazu muss man verstehen, wie schnell Bachforellen wachsen und ab wann (z.B. Alter oder Größe) sie geschlechtsreif werden.

Was ein Brittelmaß leisten soll

Nach § 32 Abs. 1 Tiroler Fischereigesetz 2020 legt die Landesregierung Schonzeiten und Mindestfangmaße fest, um den Bestand zu sichern. Das Brittelmaß ist dabei eine Stellvertretergröße für Laichreife: Es wird jene Länge gewählt, ab der man davon ausgehen kann, dass der Fisch laichreif ist und zumindest einmal an der Reproduktion teilgenommen hat.

Da sich Tirol über sehr viele Höhenstufen und entsprechend Fischregionen erstreckt, wurde hier mit 25 cm für Bachforellen eine Zahl gewählt, die möglichst überall eine Reproduktion ermöglichen soll. Fische in den Tallagen wachsen jedoch deutlich schneller als in einem kalten, nährstoffarmen Gebirgsbach.

Andere Länder staffeln deshalb nach Höhenlage und Gewässer. Ein Vergleich:

  • Baden-Württemberg: 25 cm allgemein, aber nur 20 cm in Fließgewässern über 800 m ü. NN – und 35 cm am Hochrhein. Schonzeit 01.10. – 28.02.
  • Bayern: 26 cm, Schonzeit 01.10. – 15.03.
  • Tirol: 25 cm landesweit, Schonzeit 01.09. – 15.03.
  • Steinberg: 22 cm aufgrund der Ausnahmebewilligung, befristet bis 31.12.2027.

Die gesetzlichen Schonmaße sind eine verbindliche Untergrenze, die grundsätzlich nicht unterschritten werden darf. Ausnahmen kann die Bezirksverwaltungsbehörde nach § 32 Abs. 5 Tiroler Fischereigesetz 2020 auf Antrag bewilligen, sofern es keine andere zufriedenstellende Lösung gibt und die Population in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in einem günstigen Erhaltungszustand verbleibt. Vor der Erlassung ist der Fischereirevierausschuss zu hören. Genau so eine Ausnahme ist unser Bescheid.

Wie schnell wachsen Bachforellen?

Das Wachstum von Bachforellen variiert stark je nach Habitat. Hier soll es vor allem um Bachforellen gehen, die auch ihr Leben lang in einem Fließgewässer verbleiben. Das Wachstum von See- und Meerforellen sollte sich aber in den ersten Jahren vor der Abwanderung ähnlich verhalten. Mehr dazu gibt es hier.

Eine grobe Orientierung, basierend auf den bei Arslan et al. (2007) zusammengefassten Studien. In der Fischbiologie gibt man die Altersklassen mit einer (X+) Notation an, wobei das X für die Anzahl der vollendeten Lebensjahre steht. Ich versuche das auch immer am Wasser mitzudenken. Statt Größen auf den cm zu messen oder zu schätzen, zähle ich im Kopf mit, wie viele Fische welchen Alters ich gefangen oder gesehen habe. In einem gesunden und natürlichen Bestand sollten das viel mehr 0+ als 1+ sein und so weiter.

  • Im ersten Jahr (0+): Die Larven schlüpfen im Frühjahr und erreichen bis zu 10 cm.
  • Im zweiten Jahr (1+): Typischerweise 11 bis 18 cm.
  • Im dritten Jahr (2+): 15 bis 25 cm. Viele Forellen werden hier geschlechtsreif.
  • Ab dem vierten Jahr (3+): 19 bis 29 cm oder mehr, je nach Bedingungen. In produktiven Gewässern geht es deutlich schneller. Der Wachstumsschub hängt oft auch daran, dass eine neue Nahrungsquelle erschlossen wird – nämlich Kleinfisch (Jonsson et al. 1999). Hier fängt nach der Abwanderung von See- und Meerforellen auch das Abwachsen zu kapitalen Größen an.

Folgende Grafik ist aus den Tabellen aus der Studie von Arslan et al. (2007) generiert, die die durchschnittliche (Median) Länge je Altersklasse von 23 Studien zusammengetragen und mit eigenen Messungen verglichen haben.

Mittlere Länge je Altersklasse in 23 europäischen Bachforellenbeständen, mit den Schwellen 22 und 25 cm

Die Spannweite ist enorm: Im spanischen River Ucero misst eine Forelle nach zwei Jahren schon knapp 28 cm, im türkischen Aksu Stream auf 2800 m nach sieben Jahren gerade einmal 21,7 cm. Dieselbe Länge bedeutet je nach Gewässer ein völlig anderes Alter. Zudem fällt auf, dass nicht alle Bestände mit einem hohen Alter gesegnet sind. Bei einigen Daten wurden keine Fische älter als drei Jahre erfasst. Nach fünf bis sechs Jahren enden fast alle Linien. Einen wirklich guten Vergleich zu Steinberg gab es in der Studie nicht, aber als Orientierung ist ein subalpiner Fluss in Norwegen grün eingefärbt. Hier würde das Tiroler Brittelmaß von 25 cm nur von den mindestens fünfjährigen Tieren erreicht werden, welche in der Alterspyramide nur sehr selten vorkommen würden.

Wie wird das Alter überhaupt ermittelt?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen Otolithen, kleine Ohrsteine im Kopf des Fisches, um deren Alter zu ermitteln (Murphy & Willis 1996). Diese bilden durch die saisonalen Wachstumszyklen Jahresringe ähnlich wie Bäume: schnelles Wachstum im Sommer, langsames im Winter. Unter dem Mikroskop lassen sie sich auszählen. Gegenüber Schuppen oder Flossenstrahlen sind Otolithen präziser, besonders bei älteren Fischen. Für uns am Wasser heißt das: Ohne Labor bleibt es eine Schätzung. Größe und Gewässerbedingungen geben aber gute Hinweise.

Was das Wachstum steuert

Verbringt eine Bachforelle ihr ganzes Leben im Süßwasser, hängt ihr Wachstum vor allem an drei Faktoren: Wassertemperatur, Fischgröße und Nahrungsaufnahme. In kühlen, sauerstoffreichen Gebirgsbächen wächst sie langsamer als in wärmeren Flüssen; in nährstoffarmen Gewässern bleibt sie klein.

Die Höhenlage bündelt diese Faktoren. Parra et al. (2009) haben für europäische Bestände gezeigt, dass die Länge im ersten Lebensjahr (0+) systematisch mit der geografischen Breite abnimmt – und im zweiten Jahr (1+) zusätzlich mit der Seehöhe. Die beiden Formeln lauten, mit der geografischen Breite x in Grad Nord und der Seehöhe z in Metern:

  • Länge 0+ in cm = 13,53 − 0,130 · x
  • Länge 1+ in cm = 25,25 − 0,230 · x − 0,00006 · x · z
Erwartete Länge der Altersklassen 0+ und 1+ nach dem Modell von Parra et al. (2009) in Abhängigkeit von der Seehöhe

Eine zweisömmrige Forelle, die auf 600 m noch 12,6 cm misst, kommt auf 1500 m im Mittel auf rund 10 cm. Das passt auch gut zum oberen Bild der anderen Studie. Die meisten 1+ befinden sich in diesem Bereich. Wichtig: Das Modell ist eine Vereinfachung, die alle oben genannten Faktoren auf die Höhe reduziert und gilt für die Altersklassen 0+ und 1+. Es ist eine Näherung über viele europäische Bestände hinweg, kein Ersatz für eine Bestandserhebung im eigenen Bach. Bei einem Blick in die Grafik oben sehen wir: In der Altersklasse 1+ liegen noch viele Bestände zwischen 10 und 12,6 cm. Hier ist der Unterschied noch klein. Einige Bestände erreichen jedoch dann bereits im dritten Jahr die 25 cm, während andere weit darunter bleiben.

Ab wann sind Bachforellen fortpflanzungsfähig?

Die Geschlechtsreife hängt von Alter und Größe ab. Männchen reifen oft früher (ab 2 Jahren, bei 18–20 cm), Weibchen ab 3–4 Jahren (bei 20–25 cm oder mehr), beschrieben etwa bei Dieterman et al. (2016). In den dort untersuchten Flüssen werden nur wenige Bachforellen älter als drei Jahre – und schaffen trotzdem eine erfolgreiche Reproduktion.

Für die Steinberger Ache gibt es dazu eine lokale Zahl: Laut der Bestandserhebung von Popp (2020) zitiert in Bezirkshauptmannschaft Schwaz (2026) werden die Bachforellen dort schon ab einer Größe von rund 15 cm laichreif. Dieser Wert ist das Scharnier der ganzen Argumentation und er liegt zehn Zentimeter unter dem allgemeinen Brittelmaß. Wenn wir noch als Referenz wieder den Bach S1 aus der ersten Grafik annehmen, hätten die Forellen noch bis zu drei Laichzeiten, bis sie das Maß von 22 bzw. 25 cm erreichen. Ganz ehrlich muss man sagen, über vier Jahre und 20 cm werden hier nur Ausnahmefische.

In einem solchen Bestand schützt ein Maß von 25 cm nicht mehr die Reproduktion. Diese ist bis dahin längst gelaufen. Faktisch verhindert es aber jede Entnahme und damit die sinnvolle Bewirtschaftung des Gewässers. Zu oft gilt nämlich nur als schützenswert, was nutzbar ist; und wer möchte ein Gewässer bewirtschaften, in dem nie ein Fisch entnommen und nur ganz selten jenseits der 25 cm gefangen werden kann. Wir sagen ja, auch das ist schützenswert! Für jeden, der das auch so sieht, ist das reduzierte Brittelmaß eine Möglichkeit auch Gebirgsflüsse attraktiver für die Befischung zu machen und sie dadurch auch besser zu schützen.

Die Daten aus Steinberg

Der Bescheid stützt sich auf Daten einer Gewässerzustandsüberwachung (GZÜV) in der Steinberger Ache aus dem September 2025. Hier zeigte sich eine natürliche Populationsstruktur mit hohem Eigenaufkommen. Aber auch nur ein geringer Prozentsatz der gefangenen Bachforellen war länger als 22 cm.

Was daraus folgt:

Erstens: Das allgemeine Brittelmaß wirkt in unseren Revieren wie ein faktisches Entnahmeverbot. Nur wenige Fische erreichen es.

Zweitens: Ein 22er ist bei uns kein Jungfisch. Bei Laichreife ab 15 cm und dem für die Höhenlage typischen Wachstum hat dieser Fisch nicht nur die erste Laichsaison hinter sich, sondern in aller Regel mehrere.

Drittens: Die Regelung läuft bereits seit 2023. Die Befischung 2025 fand also nach zweieinhalb Jahren Entnahme ab 22 cm statt und zeigt trotzdem eine natürliche Populationsstruktur mit hohem Eigenaufkommen. Kein Besatz und Entnahme gehen also zusammen. Selbst mit verringertem Brittelmaß.

Der zweite Rand: das Fenster nach oben

Bis hierher ging es nur um die Untergrenze. Ein Entnahmefenster hat aber zwei Ränder und der obere ist der, den wir selbst in der Hand haben.

Die Befischungsdaten sagen ja nicht nur "22 cm ist vertretbar". Sie sagen auch: Fische über 25 cm sind bei uns extrem selten. Genau diese wenigen großen Tiere tragen überproportional zum Laichgeschäft bei – die Eizahl steigt mit der Länge des Weibchens deutlich an (Elliott 1994), und große, alte Fische haben über Jahre hinweg bewiesen, dass ihre Gene zum Gewässer passen.

Unsere Empfehlung ist deshalb kein Mindestmaß, sondern ein Fenster: entnehmen zwischen 22 cm und etwa 25 cm, alles darüber schonend zurücksetzen. Die Ausnahmebewilligung öffnet die Untergrenze, den oberen Rand ziehen wir freiwillig, weil ihn kein Bescheid zieht. Wenn man sich die Daten anschaut, könnte man die Sorge bekommen, dass es bei uns keine kapitalen Fische gibt. Die in den Studien berichteten Daten sind jedoch immer Mittelwerte, die die Streuung und Ausreißer nach oben (und unten) nicht abbilden. Fische jenseits der 25 cm kommen vor, sind aber sehr selten und haben mehrere Jahre Lebenserfahrung. Entsprechend schwer sind sie zu überlisten.

Bachforelle im Kescher: schonend im Wasser gelandet und abgehakt

Quellen

  • Arslan, M., Yıldırım, A., Bektaş, S. & Atasever, A. (2007): Growth and mortality of the brown trout (Salmo trutta L.) population from upper Aksu Stream, Northeastern Anatolia, Turkey. Turkish Journal of Zoology 31(4), 337–346.
  • Bezirkshauptmannschaft Schwaz (2026): Fischereireviere 8042 Steinberger Ache und 8043 Schwarzbach; Entnahme von Bachforellen unter festgelegtem Brittelmaß; fischereirechtliche Ausnahmebewilligung. Bescheid GZ SZ-FI-ANS-2/6-2026 vom 16.07.2026.
  • Dieterman, D. J., Walker, T. S., Cochran, P. A. & Konsti, M. (2016): Reproductive traits of Brown Trout in two contrasting streams of southeast Minnesota. North American Journal of Fisheries Management 36(3), 465–476.
  • Elliott, J. M. (1994): Quantitative ecology and the brown trout. Oxford University Press.
  • Jonsson, N., Næsje, T. F., Jonsson, B., Saksgård, R. & Sandlund, O. T. (1999): The influence of piscivory on life history traits of brown trout. Journal of Fish Biology 55(6), 1129–1141.
  • Murphy, B. R. & Willis, D. W. (1996): Fisheries techniques. American Fisheries Society, Bethesda.
  • Parra, I., Almodóvar, A., Nicola, G. G. & Elvira, B. (2009): Latitudinal and altitudinal growth patterns of brown trout Salmo trutta at different spatial scales. Journal of Fish Biology 74(10), 2355–2373.