Am liebsten leicht unterwegs an kleinen Gewässern, wo das Erkunden von Wasser, Insekten und Landschaft mindestens so viel zählt wie der Fang. Die Faszination für Biologie und Ökologie ist geblieben – und der Drang, immer weiter dazuzulernen. Diesen Lernprozess möchte ich hier im Blog teilen.
Gestern früh begrüßt mich ein Arbeitskollege, der noch kein Fliegenfischer ist, mit einer Geschichte, die er selbst als bittersüß bezeichnet.
Letzte Woche, heißer Nachmittag, noch schnell raus auf den See, wo auch unser Boot liegt. Auf Hecht schleppen. Dass die Hitze nicht nur den Salmoniden zusetzt, ist ihm durchaus bewusst, aber es wird schon gehen. Schnell drillen, nicht aus dem Wasser nehmen, man kennt sich ja eh aus.
Und dann passiert es. Kurz vor Schluss steigt der Hecht ein, von dem man sonst höchstens träumt, wenn man den Schwedenurlaub plant. Weit über einen Meter, ich habe die Bilder selbst gesehen. Für solche Ausnahmefische gilt an diesem See ein Rücksetzgebot, es gibt ein Entnahmefenster.
Aller Behutsamkeit zum Trotz: Der Fisch schwimmt nicht mehr aus eigener Kraft vom Boot weg.
Mein letzter heißer Sommertag auf dem See.
Das sollte uns eine Warnung sein. Es gibt beim Fischen Temperaturgrenzen Sie gelten besonders dann, wenn wir den gefangenen Fisch nicht entnehmen wollen oder schlicht nicht dürfen.
So hat es der Tiroler Fischereiverband in seinem Instagram-Reel genannt: Mit steigender Temperatur löst sich weniger Sauerstoff im Wasser, während der Fisch als wechselwarmes Tier gleichzeitig mehr davon braucht. Letztendlich erstickt der Fisch bei zu warmen Wasser. Besonders, bei körperlicher Anstrengung und Stress, wie der Drill eines Meter-Hechts.
Dass es wirklich am Sauerstoff hängt und nicht an der Temperatur selbst, sieht man am schönsten in der Fischzucht. Dort wird Sauerstoff aktiv eingebracht. Unter diesen Bedingungen kann man Becken deutlich wärmer fahren als im Bach – und die Fische fressen und wachsen sogar schneller, weil der Stoffwechsel auf Touren läuft. Im Experiment nahmen Bachforellen bei starker Sauerstoffübersättigung noch zwischen 25 und 28 °C Nahrung auf.
Im Gewässer gibt es diesen künstlich eingebrachten Sauerstoff nicht. Besonders perfide: Wenn der Sauerstoff ausgeht steigt der Laktatpegel, wie wir es z.B. vom Treppen-Steigen kennen. Unter anhaltendem Sauerstoffmangel kann der Fisch dieses kaum noch abbauen. Deshalb sterben viele zurückgesetzte Fische nicht im Kescher, sondern Stunden bis Tage später.
Wir sollten uns also vor dem Fischen bewusst machen, wie warm das Wasser ist. Am Bach ist die Sache einfach: Turbulentes Fließwasser ist gut durchmischt, ein Wert genügt. Sinnvoller Weise in der Strömung und wenn möglich mehrmals am Tag. Zwischen 15 und 18 Uhr erreicht die Wassertemperatur oft ihr Maximum. Wer um 9 Uhr 15 °C misst, fischt um 17 Uhr womöglich bei 21 °C.
Am See interessiert uns vorallem die warme Deckschicht an der Oberfläche. Im Sommer liegt diese über der Sprungschicht, darunter bleibt es kühl. Entscheidend ist die Temperatur dort, wo der Fisch gedrillt wird und sich erholen muss, also an der Oberfläche.
Wer eine Stunde oder mehr Anfahrt hat, sollte die Entscheidung nicht erst am Wasser treffen. Die Hydrographischen Dienste messen an vielen Pegeln neben Wasserstand und Abfluss auch die Wassertemperatur, meist stündlich und frei abrufbar:
Bei den Salmoniden ist die Datenlage am besten: Oberhalb von rund 18 °C steigt die Rücksetzsterblichkeit steil an, und Temperatur und Luftexposition wirken dabei nicht additiv, sondern verstärken einander. Keep Em Wet sollte eigentlich Standard sein, ist jetzt aber besonders wichtig!
Beim Hecht ist die Studienlage dünner; die international gängige Faustregel für Hecht und Muskie liegt bei etwa 24 °C, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass Großfische das größte Risiko tragen. Genau die also, die unter ein Entnahmefenster fallen.
Barsch, Karpfen, und Wels hingegen kommen auch noch mit Wassertemperaturen um die 28 °C und können Ausweichziele sein.
Die Bachforelle ist eine der anpassungsfähigsten Fischarten überhaupt. Dies gilt aber nicht für den einzelnen Fisch, der mit Temperaturschwankungen nur schlecht zurechtkommt, sondern für die Fischart Bachforelle und ihre genetische Anpassungsfähigkeit an verschiedene Umweltbedingungen.
Bestände unterscheiden sich genetisch in ihrer Temperaturtoleranz, teils schon auf wenigen Flusskilometern, und in Untersuchungen an Schweizer Populationen zeigen genau jene Genabschnitte Selektionsspuren, die mit oberer Temperaturtoleranz zu tun haben.
Plakativ: Man stelle sich vor, man nimmt einen Stamm aus einem Gebirgssee (wie unsere Tiroler Urforelle) und setzt ihn in einen spanischen Bach. Die Art ist zwar dieselbe. Aber die spanische Population hat zehntausend Jahre lang gelernt, mit Sommerhitze und Niedrigwasser umzugehen und die Anpassungen Generation um Generation weiter-vererbt. Der Gebirgssee-Stamm hingegen hat gelernt, wie man ein kurzes, kaltes Jahr optimal ausnutzt. Diese natürliche Zuchtauswahl auf die jeweiligen Umweltbedingungen macht das Überleben in richtigen Habitat überhaupt erst möglich, würde aber zu sehr geringen Überlebenschancen im falschen Gewässer führen.
Genau das passiert im Kleinen bei jedem Besatz mit beliebigem Material. In mediterranen Flüssen gehört die Einkreuzung atlantischer Zuchtstämme heute zu den stärksten negativen Faktoren für Bestandsdichte – neben der Sommertemperatur selbst. Zuchtfische werden auf Wachstum und Handhabbarkeit selektiert, in konstant kühlem, sauerstoffgesättigtem Wasser. Auf Hitzetoleranz selektiert dort niemand. Und wenn sie ins Gewässer kommen, kennen sie die Kaltwasserrefugien nicht – Quellaustritte, Zubringermündungen, tiefe Kolke –, die Wildfische gezielt aufsuchen.
Kurz: Besatz ist keine Antwort auf ein Temperaturproblem. Beschattung, Restwasser und der Schutz der Kaltwasserzutritte sind es.
Es stellt sich natürlich die Frage, ob langsames Einkreuzen hitzetoleranter Wildbestände die Klima-Wandel-Anpassung verschnellern kann. Zu Chancen und Risiken hierzu gibt es aber meines Wissens noch keine Forschung.
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Hampuwo, B., Duenser, A., & Lahnsteiner, F. (2025). Effects of elevated temperature on gene expression, energy metabolism, and physiology in brown trout, Salmo trutta. Conservation Physiology, 13(1), coaf025. https://doi.org/10.1093/conphys/coaf025
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Rocaspana, R., Alcaraz, C., & Aparicio, E. (2026). Brown trout (Salmo trutta) abundance and biomass in Mediterranean rivers: Environmental, genetic, and management drivers. Fishes, 11(4), 217. https://doi.org/10.3390/fishes11040217
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Bereits 1928 verordnet, ist der Naturpark Karwendel das älteste Schutzgebiet Tirols. Der Rissbach liegt in diesem wunderbaren Naturpark. Die Natur soll dort leiben wie sie ist, unberührt und vollkommen. Das verlangt Fischen, Bewirtschaftern und Fischern einiges ab. Aber es lohnt sich!
Anfang 2016 stellt sich Martin der Herrausforderung den Rissbach neu aufzubauen. Das bedeutete in einem bis dahin als schwierig geltenden Gewässer eine gesunde und reproduktionsfähige Population von Salmoniden und Koppen zu etablieren, die so stabil ist, dass sie sowohl Naturereignissen wie Hochwässern als auch Befischungsdruck Stand hält.
Mit großem Stolz haben wir ihn all die Jahre ohne Besatz geführt. Den kein Besatzfisch hat die gut ausgeprägten Instinkte der Naturforellen, die sich seit jeher den rauen Bedingungen dieses Wildflusses angepasst haben. Während Besatzfische zuvor bei jedem Frühjahrshochwasser wieder ausgeschwemmt wurden, konnten wir ohne die zusätzliche sommerlich Konkurrenz durch Besatzfische zügig wieder einen selbstreproduzierenden Stamm von Bachforellen etablieren um die regionale Genetik der Fische zu schützen.
Der Rissbach schlängelt sich über 30 km durch die Landschaft des Karwendels und verbindet Tirol mit Bayern. Viel Geschiebe und wildes Wasser verlangen den Bachforellen einiges ab, sie haben wenig Zeit, sich für den Winter vorzubereiten und Eier für den Fortbestand der Art zu produzieren. Trotzdem reproduzieren sich Forellen selbst, in den perfekten Strukturen dieses einen der letzten unverbauten Wildflüsse Tirols. Genau diese Wildheit, dieses ungezähmte, verästelte System aus Flussarmen und Schotterinseln, macht den Rissbach zu einem echten Naturjuwel und zu einem der schönsten Reviere, die wir führen durften.
Eine genaue Erfassung der Fänge half uns dabei, den Aufbau der Population den Ergebnissen der Analysebefischungen durch die ÖBF gegenüberzustellen. Das Ergebnis hat uns jedes Mal aufs Neue gefreut: Trotz des schwierigen Lebensraumes erhalten wir am Rissbach einen Naturfischbestand mit perfektem Populationsaufbau, ganz ohne Zutun des Menschen.
Nun wandert die Fischereipacht am Rissbach wiedereinmal in neue Hände. Seit Frühjahr 2026 hat Jean-Pierre Vollrath von der Fliegenfischerschule Oberbayern. Er hat sich auf 10 Jahre verpflichtet, dieses nachhaltige Programm weiterzuführen und sich für die autochthonen Fischbestände im Rissbach einzusetzen.
Das freut uns von Herzen. Der Rissbach ist zu kostbar, um ihn irgendjemandem zu übergeben, dem nicht dasselbe am Herzen liegt wie uns: ein Fluss, der leben darf, wie es die Natur vorgesehen hat. Wir wünschen Jean-Pierre alles Gute für diese Aufgabe und freuen uns, wenn der Rissbach weiterhin ohne Besatz und im Sinne seiner ursprünglichen Fischbestände geführt wird.
Am 20. Juli 2026 hat der WWF eine Erhebung veröffentlicht, die man als Fliegenfischer nicht überlesen sollte: Drei für Wildflüsse charakteristische Heuschreckenarten sind am Tiroler Inn nicht mehr nachweisbar. Türks Dornschrecke, Kiesbank-Grashüpfer und Gefleckte Schnarrschrecke finden sich im ganzen Einzugsgebiet nur noch an der Ötztaler Ache. Bis vor rund 50 Jahren waren alle drei am Inn weit verbreitet; heute stehen sie auf der Roten Liste.
Das ist mehr als eine Meldung für Entomologen – es ist eine Meldung über den Zustand des Flussbetts, und damit über die Grundlage unserer Fischerei.
Die drei am Inn verschollenen Arten und ihre Lebensraumanforderungen:
Alle drei sind Spezialisten für offene, frisch umgelagerte Kies- und Sandflächen, die bei uns im Inntal leider kaum mehr auftreten. Vergleiche den Post zur Renaturierung von Geschiebe und Habitat.
Dem Inn fehlt schlicht der Platz. Ohne Raum für Umlagerung und Geschiebe (Kies, Sand, Steinen) kommt es zur Sohleintiefung anstatt zur Bildung von Kiesbänken. Die wenigen die Entstehen sind zum einen oft durch Feinsediment zugesetzt, was die Lebensraumqualität mindert. Außerdem werden sie, verständlichweise von Fischen und anderen Flussliebhabern stark frequentiert.
Genau diese offenen Kiesflächen sind auch unsere Laich- und Jungfischhabitate – nur eben zu einer anderen Jahreszeit und Wasserstand.
Glücklicher weise gibt es noch andere Grafhüpfer, die ab und an ins Wasser geweht werden und die man z.B. mit den folgenden Mustern immitieren kann: Stimulator Olive, Orange Bitch Creek.
Ein Blick auf Inn, Steinberger Ache und Große Mühl im April
Wer Ende April am Inn im Tiroler Unterland steht, sieht vor allem eines: milchig-trübes Wasser. An der Großen Mühl im Böhmerwald dagegen fließt das Wasser teefarbig-klar über Granitblöcke, und an der Steinberger Ache kämpft sich gerade die Schneeschmelze durch. Drei Gewässer, drei völlig verschiedene Bilder – und das hat System. Die Art, wie ein Fluss im Jahresverlauf Wasser führt, nennt die Hydrologie das Abflussregime. Und dieses Regime bestimmt nicht nur, ob was man unterwasser erkennen kann, wie gut sich waten lässt, sondern auch, welche Fliege fängt.
Das Abflussregime eines Fließgewässers wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, woher das Wasser kommt – und wann es ankommt (Jungwirth et al. 2003, S. 59ff; Mader et al. 1996). Die Klassifikation unterscheidet drei Grundtypen, die sich in der Praxis oft mischen:
Reicht das Einzugsgebiet bis in vergletscherte Zonen, wird das Abflussgeschehen von der Eisschmelze dominiert. Schnee und Eis werden zunächst gespeichert und gelangen erst mit Wochen bis Monaten Verzögerung als Schmelzwasser ins Gewässer. Die Folge ist ein typischer Jahresgang mit sehr niedrigen Abflüssen im Winter (Dezember–März) und einem markanten Maximum im Juli/August, synchron mit den höchsten Lufttemperaturen. Im Frühling steigt der Abfluss langsam, aber stetig – und mit ihm die Trübe, denn das Gletscherschmelzwasser transportiert feinste mineralische Schwebstoffe, die sogenannte Gletschermilch.
Der Inn ist ein Paradebeispiel: Sein Einzugsgebiet reicht von den Gletschern der Ötztaler und Stubaier Alpen bis in die Kalkalpen. Im Vergleich zu anderen rechtsufrigen Donauzubringern hat er eine besonders hohe Schwebstoffführung, bedingt durch die glaziale Prägung und die heterogene Geologie seines Einzugsgebiets (Kern 1994; Jungwirth et al. 2003, S. 66).
Liegt das Einzugsgebiet unterhalb der Gletscherzone, aber in Höhenlagen mit winterlicher Schneedecke, wird der Abfluss primär durch die Schneeschmelze gespeist. Das Maximum liegt typischerweise im Mai oder Juni – also deutlich früher als beim glazialen Typ. Im April befinden wir uns hier oft mitten im Anstieg: Die Tagestemperaturen reichen aus, um Schneepakete aufzulösen, nachts friert es wieder. Das Wasser ist kühler als beim glazialen Typ, aber ebenfalls erhöht und kann nach warmen Tagen schnell anschwellen.
Typische Vertreter dieses Regimes sind mittelgroße Alpenflüsse und -bäche, deren Einzugsgebiet zwischen ca. 1.500 und 2.800 m Seehöhe liegt – also unterhalb der Gletschergrenze, aber mit verlässlicher Schneebedeckung. Die österreichische Klassifikation nach Mader et al. (1996) unterscheidet hier weiter in nival, gemäßigt nival und nivo-glazial als Übergangsform.
Gewässer, die aus Gebieten ohne nennenswerte Schneebedeckung oder Vergletscherung gespeist werden, folgen direkt dem Niederschlagsgeschehen. Der Abfluss schwankt hier stärker kurzfristig (einzelne Regenereignisse), aber der Jahresgang zeigt kein so klares, saisonales Muster wie bei den schneeschmelze-dominierten Typen. Im mitteleuropäischen Kontext liegt das Abflussmaximum oft im Winter oder Frühling, wenn die Verdunstung gering ist und die Böden gesättigt sind. Im Sommer kann es dagegen bei hoher Verdunstung und Transpiration zu ausgeprägtem Niedrigwasser kommen (Jungwirth et al. 2003; Allan & Castillo 2007).
In der Praxis kommen reine Regime selten vor. Die meisten alpinen Flüsse zeigen Mischformen – etwa nivo-pluvial (Schneeschmelze dominiert, aber Regen spielt eine Rolle) oder glazio-nival (Gletscher plus Schnee). Die österreichische Klassifikation nach Mader et al. (1996) kennt insgesamt zehn Regimetypen, von rein glazial bis winterpluvial.
Der Inn bei Schwaz oder Wörgl ist im April ein Fluss im Übergang. Die winterlichen Tiefststände sind vorbei, die ersten warmen Tage lösen Schneepakete in mittleren Höhenlagen auf und mobilisieren Gletschersediment. Das Wasser ist merklich trüb – nicht schmutzig, sondern mineralisch eingetrübt durch Feinstpartikel. Diese Gletschermilch ist für Sichtjäger wie die Bachforelle eine echte Einschränkung: Die Fische können Beute nicht auf Distanz erkennen, sie verlassen sich stärker auf das Seitenlinienorgan (lateral line) und auf taktile Reize.
Für den Fliegenfischer heißt das: Trockenfliege ist aktuell wenig aussichtsreich. Die Sichttiefe reicht oft nicht aus, damit ein Fisch eine auf der Oberfläche treibende Fliege wahrnehmen kann. Gleichzeitig ist das Wasser noch deutlich unter 10 °C – die Fische sind metabolisch nicht auf Höchstleistung. Die Fliege muss runter zum Fisch, was auf Grund der starken Strömung meist nicht so leicht ist.
Auch die Steinberger Ache folgt primär dem Schneeschmelze-Rhythmus. Im April ist sie noch erhöht, aber gut befischbar. Das Wasser ist klarer als am Inn, aber trüber als an einem reinen Regenwasser-Fluss. Die tageszeitlichen Schwankungen durch Schneeschmelze sind spürbar: Morgens ist vom Wasserstand der beste Zeitpunkt, allerdings werden die Fische aus unserer Erfahrung meist eher gegen Mittag für ein-zwei Stunden richtig munter.
Die Große Mühl ist ein ganz anderer Gewässertyp. Sie entspringt im Granithochland des Böhmerwaldes – es gibt keine Gletscher, und die Schneebedeckung in den Lagen um 600–1.000 m ist im April meist schon abgeschmolzen. Das Wasser ist typisch teefarbig getönt, verursacht durch gelöste Huminstoffe aus den sauren Granitböden und Moorflächen (Bauernfeind & Humpesch 2001, S. 29). Der Abfluss folgt primär dem Niederschlag und der Schneeschmelze in moderaten Höhenlagen. Im April ist die Schneeschmelze hier meist abgeschlossen – der Fluss führt normales bis leicht erhöhtes Wasser und reagiert schnell auf Regenereignisse.
Das bedeutet: An der Großen Mühl ist der April einer der besten Monate für die Fliegenfischerei. Die Wassertemperaturen steigen in den günstigen Bereich (8–12 °C), und trotz der Braunwasser-Tönung ist die Sichttiefe deutlich besser als am Inn. Die Forellen können Oberflächennahrung wahrnehmen – und tun es auch, denn der Schlupf der Frühjahrs-Eintagsfliegen ist hier in vollem Gang.
Die Wahl des richtigen Fliegenmusters ist im Frühling nicht nur eine Frage der Entomologie – sie hängt ganz direkt vom Abflussregime ab, weil dieses die Sichtbedingungen, die Wassertemperatur und die Aktivität der Fische bestimmt.
Wenn das Wasser trüb und kalt ist, sind laut Rosenbauer (2000) Streamer die erste Wahl: Ein Fisch, der Beute nicht auf Distanz sieht, reagiert auf Bewegung und Druckwellen. Muster mit Palmerhechel oder Hirschhaarkopf – ein Woolly Bugger in Größe 8–10 oder anderer Streamer – erzeugen Verdrängung im Wasser, den das Seitenlinienorgan der Forelle wahrnehmen kann (Rosenbauer 2000, S. 91). Farbe ist weniger wichtig als Präsenz; im trüben Wasser sind dunkle, kontrastreiche Muster (Schwarz, Oliv-Schwarz) oft besser als subtile Imitationen.
Alternativ: Schwere Nymphen, bodennah geführt. Steinfliegenimitationen in Größe 8–12 oder eine kräftige Gold Ribbed Hare’s Ear mit Tungsten-Kopf. Die Fliege muss dorthin, wo die Fische stehen – nahe am Grund, in strömungsberuhigten Taschen.
Die bessere Sichttiefe erlaubt hier differenziertere Taktiken. Nymphen mit etwas Glanz – ein Flashback Pheasant Tail oder eine Lime Thorax Hares Ear – haben gestern gut funktionert. Der Glanz immitiert die Gasblasen, die schlüpfende Insekten oft unter der Hautoberfläche entwickeln (Rosenbauer 2000, S. 164). Diese Flash-Materialien ziehen das Auge eines Fisches aus größerer Distanz an als mattes Material.
Morgens, wenn die Schneeschmelze noch nicht eingesetzt hat und das Wasser am klarsten ist, kann auch eine vorsichtig gefischte Trockenfliege funktionieren – Rhithrogena gratianopolitana, die Neglected March Brown, schlüpfte am Inn-System im Raum Innsbruck auch in größeren Mengen und ist von März bis Mitte April aktiv (Bauernfeind & Humpesch 2001, S. 73–74). Die Schlupfphasen sind kurz und explosionsartig, oft um die Mittagszeit, und die klassische March Brown Imitation in Größe 12–14 ist genau das richtige Muster.
Auch Baetis rhodani (Large Dark Olive) ist im April an diesen Gewässern präsent und schlüpft bei kühlem, sogar regnerischem Wetter bevorzugt mittags. Eine Olive Dun in Größe 16 oder ein entsprechendes CDC-Muster ist ein verlässlicher Begleiter.
Hier ist die Situation am günstigsten. Die Große Mühl gehört zum Gewässertyp der Hochlandbäche mit Granituntergrund, saurem pH und teefarbiger Tönung (Bauernfeind & Humpesch 2001, S. 29). Das Insektenleben ist grundsätzlich ärmer als in den kalkreichen Alpenflüssen – Steinfliegen sind hier oft häufiger als Eintagsfliegen – aber gerade im Frühling schlüpfen Baetis rhodani und B. vernus zuverlässig, etwas später auch Rhithrogena semicolorata (Olive Upright).
Im nördlichen Mühlviertel wurde zudem Rhithrogena hercynia nachgewiesen – eine nahe Verwandte der Märzbraunen mit sehr früher Flugzeit, allerdings meist in geringer Individuendichte (Bauernfeind & Humpesch 2001, S. 74).
Die Fische in diesen nahrungsärmeren Gewässern können sich keine Selektivität leisten: Sie fressen, was halbwegs essbar aussieht (Rosenbauer 2000, S. 80). Eine gut sichtbare Trockenfliege – ein Parachute Adams in Größe 14–16, ein Griffith’s Gnat, oder eine March Brown Soft Hackle im Nassfliegenswing – deckt hier das meiste ab.
Das Abflussregime deines Gewässers zu kennen, hilft dir konkret:
Tagesplanung. An nival und glazial geprägten Gewässern ist der Morgen dein Freund: Die Schneeschmelze hat noch nicht eingesetzt, der Wasserstand ist am niedrigsten, die Sichttiefe am besten. Am Nachmittag kann derselbe Bach unfischbar sein. Der Innere Ruetzbach im Stubaital, kann beispielsweise im Frühjahr sehr schwanken. An pluvialen Gewässern wie der Großen Mühl spielt die Tageszeit weniger Rolle – hier reagiert der Pegel auf Regenereignisse, nicht auf die Tagestemperatur.
Saisonplanung. Glaziale Gewässer wie der Inn sind im Hochsommer (Juli/August) am stärksten getrübt und geführt – genau dann, wenn die meisten Fischer Urlaub machen. Die besten Fenster liegen im Spätherbst (Oktober/November, nach dem Abklingen der Schneeschmelze) und im Vorfrühling (März, vor dem Einsetzen der Gletscherschmelze). Nivale Bäche haben ihr Hochwasser im Mai/Juni und sind im Hochsommer oft auf Niedrigwasser mit Idealtemperaturen. Pluviale Gewässer sind am verlässlichsten ganzjährig befischbar.
Fliegenwahl. Das Regime bestimmt die Sichtbedingungen, die Sichtbedingungen bestimmen die Taktik: Trübes Wasser → Streamer, große Nymphen, viel Bewegung. Klares Wasser → feinere Imitationen, Dry-Dropper-Setups, Swing-Techniken. Kaltes Wasser (< 10 °C) → langsame Führung, tiefe Präsentation. Die ökologische Bedeutung des Abflussregimes geht dabei weit über die Fischerei hinaus: Es steuert die Laichplatz-Verfügbarkeit, die Jungfisch-Habitate und die Dynamik der Ufervegetation (Jungwirth et al. 2003, S. 64).
Die Steinberger Ache ist ein alpiner Wildbach im Tiroler Kalkstein und beheimatet eine der wenigen weitgehend autochthonen Bachforellenpopulationen der Region. Das Revier gliedert sich in drei Strecken, die durch einen Wasserfall sowie einer Sohlschwelle voneinander getrennt sind. Diese Topographie nutzen wir in unserer Bewirtschaftungsphilosophie in der wir die Populationsgenetik, Fischereidruck und die Eigenheiten alpiner Salmoniden zusammen denken.
Dieser Beitrag erklärt, warum wir das Revier so führen, wie wir es führen – und nimmt euch mit auf jede der drei Strecken. Wer am Ende keine Lust hat, eine Rute zu schnüren, dem ist nicht zu helfen.
Aus fischökologischer Sicht ist ein Fließgewässer ein vierdimensionales System: längs , quer , vertikal und über die Zeit. Das bedeutet für uns, dass wir den die Ache beim befischen in vier Richtungen zerlegen müssen:
Wie gut es der Bachforelle in gestreckten Oberläufen geht, hängt dabei zentral von der longitudinalen Konnektivität zwischen Abschnitten ab – Wanderungen zwischen Sommer-, Winter- und Laichhabitaten sind bei ihr die Regel, nicht die Ausnahme (Jungwirth et al. 2003). Selbst stationäre Forellen wandern zur Laichzeit; ein Teil der Population, insbesondere größere Individuen, ist generell wanderungsaktiv. Damit sind insbesondere die gelegentlich auftretenden fischfressenden Individuen gemeint, die wird auch auf Streamer fangen können. Diese sich gerne verstecken und nur an und an auf der Suche nach Beute das Revier durchstreifen.
Diese Konnektivität ist in der Steinberger Ache teilweise natürlich, teilweise durch Bauwerke unterbrochen. In der Karte der oberen Strecke findet ihr eine Reihe von Staustufen eingezeichnet. Es gibt aber auch einige natürliche Hindernisse. Der Wasserfall im unteren Bereich ist für aufsteigende Fische unüberwindbar, ebenso der Wasserfall zwischen oberer Strecke und Jahreskartenstrecke. Das Resultat: drei natürlicher weise weitgehend isolierte Teilpopulationen, in denen ein Genaustausch nur flussabwärts – etwa bei Hochwasser – stattfinden kann.
Das kann auch unter natürlichen Bedingungen zu einem Problem werden. Für den langfristigen Erhalt einer genetisch gesunden Population gilt seit Franklin (1980) die 50/500-Regel: mindestens 50 effektiv fortpflanzungsfähige Individuen kurzfristig, mindestens 500 langfristig, um genügend genetische Variabilität zu bewahren. Für Fischpopulationen in dynamischen Fließgewässern werden eher Werte um 1000 Individuen diskutiert, weil Katastrophenhochwasser oder lange Trockenperioden ganze Abschnitte entvölkern können. Zwischen Teilpopulationen gilt heute ein Bereich von 1–10 Migranten pro Generation als populationsgenetisches Minimum (Jungwirth et al. 2003). Das erklärt auch das Problem mit künstlichen Verbauungen. Eine Hand voll natürlicher Wasserfälle auf vielen kilometern Fischwasser, lässt gesunde Teilpopulationen zu. Eine Serie von zehn Querbauwerken auf zwei Kilometern bietet zwar viele Standorte für gut abwachsende Forellen, ist langfristig nicht selbst-erhaltend.
Drei Strecken bedeuten also: drei Subpopulationen, jede für sich an der Untergrenze dessen, was als nachhaltig gilt. Unsere Bewirtschaftung ist der Versuch, dieser Gegebenheit mit aktivem Management zu begegnen – ohne der Versuchung des Besatzes nachzugeben, der die genetische Integrität sofort kompromittieren würde. Kreuzungen mit standortfremden Fischen können zu Verlust lokaler Anpassung, reduzierter Reproduktivität und erhöhter Krankheitsanfälligkeit führen (Weiss & Schmutz 1999, ref. in Jungwirth et al. 2003).
Die Steinberger Ache ist ein alpiner Wildbach im Tiroler Kalkstein und beheimatet eine der wenigen weitgehend autochthonen Bachforellenpopulationen der Region. Das Revier gliedert sich in drei Strecken, die durch einen Wasserfall sowie eine Sohlschwelle voneinander getrennt sind. Diese Topographie nutzen wir in unserer Bewirtschaftungsphilosophie in der wir die Populationsgenetik, Fischereidruck und die Eigenheiten alpiner Salmoniden zusammen denken.
Dieser Beitrag erklärt, warum wir das Revier so führen, wie wir es führen – und nimmt euch mit auf jede der drei Strecken. Wer am Ende keine Lust hat, eine Rute zu schnüren, dem ist nicht zu helfen.
Aus fischökologischer Sicht ist ein Fließgewässer ein vierdimensionales System: längs , quer , vertikal und über die Zeit. Das bedeutet für uns, dass wir den die Ache beim befischen in vier Richtungen zerlegen müssen:
Wie gut es der Bachforelle in gestreckten Oberläufen geht, hängt dabei zentral von der longitudinalen Konnektivität zwischen Abschnitten ab – Wanderungen zwischen Sommer-, Winter- und Laichhabitaten sind bei ihr die Regel, nicht die Ausnahme (Jungwirth et al. 2003). Selbst stationäre Forellen wandern zur Laichzeit; ein Teil der Population, insbesondere größere Individuen, ist generell wanderungsaktiv. Damit sind insbesondere die gelegentlich auftretenden fischfressenden Individuen gemeint, die wird auch auf Streamer fangen können. Diese sich gerne verstecken und nur an und an auf der Suche nach Beute das Revier durchstreifen.
Diese Konnektivität ist in der Steinberger Ache teilweise natürlich, teilweise durch Bauwerke unterbrochen. In der Karte der oberen Strecke findet ihr eine Reihe von Staustufen eingezeichnet. Es gibt aber auch einige natürliche Hindernisse. Der Wasserfall im unteren Bereich ist für aufsteigende Fische unüberwindbar, ebenso der Wasserfall zwischen oberer Strecke und Jahreskartenstrecke. Das Resultat: drei natürlicher weise weitgehend isolierte Teilpopulationen, in denen ein Genaustausch nur flussabwärts – etwa bei Hochwasser – stattfinden kann.
Das kann auch unter natürlichen Bedingungen zu einem Problem werden. Für den langfristigen Erhalt einer genetisch gesunden Population gilt seit Franklin (1980) die 50/500-Regel: mindestens 50 effektiv fortpflanzungsfähige Individuen kurzfristig, mindestens 500 langfristig, um genügend genetische Variabilität zu bewahren. Für Fischpopulationen in dynamischen Fließgewässern werden eher Werte um 1000 Individuen diskutiert, weil Katastrophenhochwasser oder lange Trockenperioden ganze Abschnitte entvölkern können. Zwischen Teilpopulationen gilt heute ein Bereich von 1–10 Migranten pro Generation als populationsgenetisches Minimum (Jungwirth et al. 2003). Das erklärt auch das Problem mit künstlichen Verbauungen. Eine Hand voll natürlicher Wasserfälle auf vielen kilometern Fischwasser, lässt gesunde Teilpopulationen zu. Eine Serie von zehn Querbauwerken auf zwei Kilometern bietet zwar viele Standorte für gut abwachsende Forellen, ist langfristig nicht selbst-erhaltend.
Drei Strecken bedeuten also: drei Subpopulationen, jede für sich an der Untergrenze dessen, was als nachhaltig gilt. Unsere Bewirtschaftung ist der Versuch, dieser Gegebenheit mit aktivem Management zu begegnen – ohne der Versuchung des Besatzes nachzugeben, der die genetische Integrität sofort kompromittieren würde. Kreuzungen mit standortfremden Fischen können zu Verlust lokaler Anpassung, reduzierter Reproduktivität und erhöhter Krankheitsanfälligkeit führen (Weiss & Schmutz 1999, ref. in Jungwirth et al. 2003).
Oberhalb des Wasserfalls und des Stollenlochs auf der Straße beginnt unser genetisches Reservoir. Mal klammartig in eingegrabenen Felsschluchten, mal entspannt durch einen Wald, in dem das Licht durch Moose und Flechten fällt, als hätte jemand Wasserfarbe ins Tageslicht gemischt – der Zauberwald macht seinem Namen Ehre.
Diese Strecke ist Guidings und Jahreskartenfischern vorbehalten. Der Druck ist gering, die Forellen entsprechend wenig gestört. Hier laichen die Mütter; die kleinen Zubringerbäche fungieren als klassische Kinderstube – Befunde von Bembo et al. (zit. in Jungwirth et al. 2003) zeigen, dass solche Zubringer das Jungfischaufkommen im Hauptgewässer überhaupt erst tragen, weil dort die Juvenilen schlüpfen und oft erst nach dem ersten Jahr abwandern.
Fischereilich ist die Jahreskartenstrecke kein Forderungs-, sondern ein Geduldsrevier. Die Hotspots sind kleine, tiefere Kolke (Pools), oft kaum größer als eine Badewanne, manchmal eingerahmt von Totholz oder einem hängenden Felsblock. Anschleichen ist hier nicht Stilfrage, sondern Voraussetzung: Wer die Pirsch im Kopf nicht ernst nimmt, fischt nur über bereits gewarnte Fische oder leeren Wasser. Tiefe Profile, kurze Würfe, Trockenfliege oder kleine Nymphe – mehr braucht es selten.
Oberhalb des Parkplatzes an der Brücke weitet sich das Tal. Die Steinberger Ache verliert ihre alpine Enge, mäandriert flacher, sucht sich Bahn zwischen lichten Schotterbänken und Schwemmkegeln. Auf dieser Strecke verkaufen wir auch Tageskarten – sie ist die zugänglichste der drei und doch alles andere als einfach.
Diese Strecke wird nicht besetzt. Die Bestandsdichte ist allein durch natürliche Reproduktion gegeben. Fische stehen wo Wasser tiefer wird oder wo ein einzelner Block einen Standplatz erzeugt. Auch unter den oben angesprochenen Querbauwerken finden sich gute Pools.
In den flachen Bereichen ist es besonders wichtig, das Wasser zu lesen. Glatte Oberflächen in den Riffeln, Übergänge am Ende einer schnellen Rinne, das ruhige Polster hinter einem Felsbrocken. Diese Mikrostrukturen wollen präzise angeworfen werden. Oft sind einem nur ein Augenblick dragfreie Drift vergönnt, bevor eine Querströmung die die Schnur erfasst. Viele präzise Präsentationen und Strecke machen sind hier das Mittel der Wahl. Trotz dieses schnellen Fischens sollte man sich auf leisen Sohlen bewegen. Eine Bachforelle, die einmal Schritte gespürt hat, ist für eine Stunde verloren.
Trotz hohem Freizeitdruck und einem Badestrand im Sommer zeigen unsere Elektrobefischungen in der unteren Strecke konsistent eine sehr hohe Fischdichte. Wer die Erwartung „viel los am Wasser = wenig Fisch" mitbringt, wird hier eines Besseren belehrt.
Flussab werden die Züge tiefer. Wo das Wasser gegen Felswände prallt und sich in dunkle Kolke schraubt, müssen die größten Forellen des Reviers stehen. Wir sehen sie gelegentlich. Wir fangen sie selten. Genau das ist Teil der Faszination.
Hier weichen wir bewusst von unserer sonstigen Besatzphilosophie ab. Wir sind keine Dogmatiker: Ein gewisser Genaustausch ist insbesondere wegen des unterbrochenen Kontinuums notwendig. Ungünstig wäre es aber, wenn aus unteren Revieren unten Besatzforellen mit ortsfremden Genen einwandern und sich mit unseren Tieren vermischen. Hybridisierung, vorallem mit Zuchstämmen, kann zu Verlust lokaler Anpassung, geringerem Wachstum und höherer Anfälligkeit für Krankheiten und Parasiten führen.
Unser Besatz im unteren Teil dieser Stelle ist deshalb klein, gezielt und genetisch korrekt: Tiroler Urforelle aus der Fischzucht Thaur. Diese geht auf Linien der Donaustämmigen Bachforelle zurück, die seit dem mittelalter in Refugien isoliert von atlantischen Besatzforellen überlebt haben. Hiervon setzen wir einige hundert einsömmrige Exemplare.
Die Logik dahinter: Möglichst kleine, möglichst zahlreiche Tiere geben der natürlichen Selektion das letzte Wort. Es setzen sich jene durch, die ans Gewässer am besten angepasst sind – nicht jene, die in der Zucht groß geworden sind. So wird der lokale Genpool mit dem passendsten Material aufgefrischt, ohne dominiert zu werden.
Jeder Besatz ist ein doppeltes Risiko: genetisch (Verdünnung oder Verschiebung) und sanitär (Einschleppung von Krankheiten und Parasiten). Letzteres ist in einem Revier mit drei isolierten Teilpopulationen besonders heikel, da unsere Populationen durch ihre Isolation bisher auch keine Resistenzen aufbauen konnten. Hier bringt uns die Kontinuums-Unterbrechung aber auch einen Vorteil: Eine Krankheit, die in der unteren Strecke ausbricht, kann den Wasserfall nicht überwinden. Die obere Strecke und das genetische Reservoir bleiben passiv geschützt.
Diesen passiven Schutz nutzen wir – aber wir lassen die oberen Teilpopulationen genetisch nicht verarmen. Etwa fünf bis zehn ausgesuchte, gesund wirkende, geschlechtsreife Forellen versetzen wir periodisch aus der unteren in die oberen Strecken. Das entspricht in Größenordnung dem populationsgenetisch empfohlenen Bereich von 1–10 Migranten pro Generation. Die größte, dichteste, durch Besatz geringfügig diversifizierte Population speist so kontrolliert die kleineren, isolierten – mit gesundem Material statt mit Zuchtfischen.
Drei Strecken, drei Stimmungen. Klamm und Zauberwald oben. Weites Schotterbett mit unerwarteten Tiefen in der Mitte. Tiefe, felsige Züge mit den großen Geheimnissen unten. Wer alle drei in einer Saison fischt, hat im Grunde drei verschiedene Reviere befischt – und versteht am Ende, warum Bachforellenbewirtschaftung mehr ist als Besatzkalender und Fangstatistik.
Was wir uns wünschen: Pirscht. Lest das Wasser. Geht respektvoll mit dem Catch-and-release um, wo es uns wichtig ist. Und kommt zurück.
Am 21. Mai war ich beim INN DIALOG 2026 in Innsbruck. Das Motto stand schon auf dem Plakat: „Vom Kiesel zur Au – Gemeinsam den Stein ins Rollen bringen." Klingt nach Fluss-Romantik, war in großen Teilen aber eine sehr kompetente Fachtagung. Es ging um Renaturierung, Geschiebemanagement, Laichhabitate, Restbestände wilder Fische – exakt das, worum es uns bei Fliegenfischen mit Herz geht.
Wem das zu viel Text ist, kann sich die folgenden zehn Kurzfilme zum Projekt anschauen:
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INNsieme connect ist die Fortsetzung des Projekts INNsieme (2019–2022), ermöglicht durch die Kofinanzierung der Europäischen Union im Rahmen des Förderprogramms Interreg Bayern-Österreich sowie durch die Förderung durch das Land Tirol. Um dem Inn gerecht zu werden, ist das Projekt grenzüberschreitend angelegt. Projektpartner aus Tirol, Bayern und dem Schweizer Engadin sitzen am selben Tisch und arbeiten an drei Schienen: Artenschutz, Wiederherstellung ökologischer Netzwerke und Kommunikation. Der Inn wird als ein zusammenhängender Lebensraum gedacht, nicht als Aneinanderreihung von nationalen Flussabschnitten.
Der erste Tag war eine Konferenz in der Villa Blanka am Innsbrucker Hang. Das Eventcenter sitzt schön über der Stadt, sodass man, während man über Renaturierungs-Visionen diskutierte, auf die verbaute Realität des Inns blicken konnte. In der Folge möchte ich die für mich interessantesten Inhalte kurz wiedergeben.
Den Aufschlag machte die Umweltjuristin Marlene Schaffer vom ÖKOBÜRO mit dem Rechtsrahmen. Klingt trocken, war aber einer der erhellendsten Beiträge, weil hier sichtbar wird, warum sich am und um den Inn so wenig bewegt.
Um das Ganze grundlegend zu verstehen, versuche ich mich an einer kurzen, sicher nicht ganz korrekten Wiedergabe: Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist seit 2000 EU-Recht und macht diverse Vorgaben, um gute ökologische Zustände in unseren Gewässern zu erreichen. Die Mitgliedstaaten müssen dieses Ziel bis 2027 erreichen. Eigentlich schon früher, aber Österreich hat schon zwei Mal Verlängerungen der Frist beantragt.
Die Richtlinie wird in Österreich juristisch im Wasserrechtsgesetz umgesetzt. Besonders wichtig ist § 30a mit dem Verschlechterungsverbot und Verbesserungsgebot. Grundsätzlich dürfen keine Maßnahmen – z. B. Hochwasserschutz und Kraftwerksbau – den ökologischen Zustand verschlechtern, und sie sollten immer so erfolgen, dass durch Ausgleichsmaßnahmen oder gute Planung der Zustand verbessert wird.
Wie schwer es diese gute Absicht jedoch in der Praxis hat, zeigt die Genehmigungslogik beim Kraftwerksbau (§ 104a). Hierbei werden öffentliche Interessen geprüft, und Klimaschutz bzw. erneuerbare Energie kann ein „überragendes öffentliches Interesse" darstellen. In diesem Fall kann dann § 30a ausgehebelt werden.
Für mich das Highlight des Tages. Ueli Schälchli (Flussbau AG) und Peter Rey (HYDRA Institut) haben die Ergebnisse der Geschiebe-Habitat-Studie zur freien Fließstrecke des Tiroler Inns präsentiert und damit zum ersten Mal seriös durchgerechnet, was möglich wäre. Untersucht wurde die rund 120 km freie Fließstrecke von Imst bis Wörgl.
Um zu verstehen, wo wir her kommen und hin wollen vorab ein bisschen Theorie aus Schälchli 2021. Das Diagramm auf der linken Seite zeigt wie viel Platz der Fluss für seine Wassermenge hat und wie viel grobes Geschiebe er mit sich trägt. Konkret sehen wir nach oben die Breite im Verhältnis zur Tiefe. Je mehr Platz ein Fluss in die Breite hat, desto eher verzweigt er sich. Nach rechts die ist die Tiefe in Verhältnis zum Korndurchmesser der Steine der Sohle eingezeichnet. Links finden wir kleine steile Gebirgsflüsse, die sich selten verzweigen.
Rechts sind fünf Flusstypen eingezeichnet, die dabei entstehen. Der Tiroler Inn war im Naturzustand Typ 1 und 2 (ganz oben). Wir kennen mangels Breite und Geschiebe nur noch Typ 5.
Ausreichende Breite auf ausreichender Länge fehlt heute praktisch vollständig, da der Inn in ein enges Korsett gezwängt ist. Die Sohlenbreite ist auf ein Drittel bis die Hälfte des Ursprungs eingeschränkt und kaum noch variabel. Ganz breite Stellen bis 300 m, die früher die Hotspots der Diversität und die Kernlebensräume waren, gibt es heute nicht mehr. Bitter dabei: Selbst die Schutzgebiete sind heute weit vom ursprünglichen Zustand entfernt. Die eigentlich typische, vollständig ausgeprägte Auenlandschaft mit vielen Inseln und Auwald im Flutbereich fehlt. Genau diese, z.B. bei der renaturierten Stelle in Telfs angedeutet, benötigen aber viele Arten im und am wasser.
Beim Geschiebe ist das Bild ähnlich: Die großen Zubringer liefern viel zu wenig, die Fracht liegt bei etwa 60 % des Naturzustands, mit dem größten Defizit im unteren Bereich. Und je weniger Geschiebe, desto weniger verzweigt der Fluss, selbst wenn er ausreichend Breite hätte. Für eine natürliche Morphologie bräuchte es laut Studie eher 65–75 %. Das klingt immerhin nicht unerreichbar.
Konkret hat das Team 24 mögliche Aufweitungen identifiziert, davon drei als große Kernlebensräume. Diese Aufweitungen würden bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen beanspruchen. Besonders wichtig sind die Kernlebensräume mit mehreren hundert Metern Breite und bis zu 5 km Länge. Diese werden benötigt, damit sich die Gestalt des renaturierten Flusses mit Kiesbänken und Auwald ausprägen und sich ausreichend große Quellpopulationen an Tieren und Pflanzen langfristig ansiedeln können. Von dort aus können sich stabile Gesamtpopulationen in Verbindung mit den 21 kleineren Aufweitungen ergeben und sich über die gesamte Strecke verteilen.
Der Clou: Der Hochwasserschutz würde dabei eher besser, nicht schlechter. Selbst mit höherer Sohlhöhe und mehr Geschiebe wurden geringere Hochwasserspitzen als im jetzigen Zustand errechnet.
Und was das für uns Fischer bedeutet, zeigt der Blick ins Oberengadin, wo so etwas schon existiert: Im Vergleich zu einer kanalisierten Strecke gab es dort nach der Renaturierung 2,5- bis 5-mal so viele Bachforellen, bei der Äsche sogar das 5- bis 20-Fache. Profitieren würden vor allem auch Barbe und Nase und andere Vertreter der Barbenregion, die es leider im Tiroler Inn kaum noch gibt.
Der Vortrag „Fischökologisches Management in alpinen Flüssen" kam von Julius Gorenz (TU München) und Johannes Wesemann (VERBUND Innkraftwerke). Kieslaicher wie Bachforelle, Äsche und Nase legen Eier ab, aus denen Larven im Kies heranwachsen. Dafür brauchen sie schnell überströmte Bereiche mit grobem Kies, der nicht von Feinsediment verschlossen ist. Dass es genau diese Bereiche kaum noch gibt, ist eines der größten Hindernisse für natürliche Reproduktion am Inn (Spindler & Wintersberger 2005).
Die Lösung ist die Bereitung solcher Kiesauflagen durch Einbringen von Kies oder das Umgraben und Ausspülen der Feinsedimente. Beispiele hierfür finden sich auch beim Tiroler Fischereiverband. Solche Eingriffe müssen im Februar für die Frühjahrslaicher bzw. von August bis Oktober für die Bachforelle durchgeführt werden. Hierdurch kann die heimische Population unterstützt und Besatz vermieden werden.
Die Wirksamkeit wurde im Projekt durch 28 Pilotflächen von Stams bis fast Passau belegt. Laichflächen wurden mittels Driftstudien untersucht. Das sind feine Netze, die die Fischlarven aus der Strömung unterhalb der Laichplätze aufsammeln. Hierdurch lassen sich unveränderte Standorte und künstliche Laichplätze vergleichen.
Die Artenzusammensetzung und Produktivität ist im betrachteten Bereich sehr unterschiedlich: in Stams wurden nur drei Arten erfasst (Nase, Äsche, Koppe), in Ering flussab schon 17. Zudem zeigte sich: Laichplatz-Management wirkt stark, muss aber jährlich wiederholt werden, weil sich frisch eingebrachter Kies sonst schnell wieder zusetzt (Stichwort Kolmation – der Verschluss der Porenräume durch Feinsediment, den man durch Auflockern mit Bagger plus Kieszugabe lösen kann). Am schlauesten ist es, das in bestehende Maßnahmen zu integrieren: Wenn der Bagger des Kraftwerksbetreibers ohnehin eine Kiesfalle in einem Nebengewässer räumt, kann er einen kleinen Teil des Substrats gleich am richtigen Platz wieder einbauen. Ansonsten bleibt nur der schweißtreibende Einsatz mit Spitzhacke und Schaufel, wie es der Huchen-Franz Keppel seit Jahren für den Huchen an der Mur praktiziert.
Es gibt aber auch klare Grenzen: Wo Schwall und Sunk herrschen, hilft das alles nichts – Beispiel Ziller. Was öfter trockenfällt oder zu warm wird, ist tot. Eier überleben zwar ein kurzes Trockenfallen, wenn es feucht und kühl bleibt – aber über 18 °C plus Trockenfallen ist es vorbei.
Wesemann hat dann die VERBUND-Perspektive aus dem Stauraum eingebracht: Kufstein ist der Kipppunkt. Ab dort wird Geschiebe nicht mehr weitertransportiert, es kommen nur noch Feinsedimente an, Kiesbänke werden rar. Stauräume sind schwierige Lebensräume, die häufig nur als größerer Angelteich mit starkem Besatz bewirtschaftet werden. Die Frage ist deswegen, wie man dort im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie Ersatzlebensräume schafft und gleichzeitig den Stauraum für die Kraftwerksbetreiber erhält. Diese haben eine Unterhaltsverpflichtung, die Natur- und Artenschutzbelange ausreichend berücksichtigen muss. Maßnahmen im Gewässer müssen vorher von der zuständigen Behörde genehmigt werden. Hier tut sich der VERBUND leichter, wenn nötige Eingriffe, z. B. das Freischaufeln von verlandeten Bereichen, gleich mit Strukturverbesserungen wie Laichplätzen und Kiesbänken vereinigt werden. Das spart Kosten und erleichtert die Genehmigungsverfahren, die in diesem Fall gleich von der TU München für die ökologische Kompetenz begleitet wurden. Nicht nur Dienst nach Vorschrift, sondern ein sinnvolles Konzept. Die vielen Maßnahmen auf der Maßnahmenkarte des Projektes zeigen, was durch starke Partnerschaften kosteneffizient erreicht werden kann.
Den Abschluss der Session machte Fabian Scheeder als Tourismusmanager der Gemeinde Bever mit der Revitalisierung der Innauen bei Bever im Oberengadin. Auch hier war der Auslöser eine wasserbauliche Notwendigkeit und die Revitalisierung die rationale Entscheidung: Marode Dämme mussten ohnehin saniert werden. Aus der Notwendigkeit wurde eine Revitalisierung ausgehend von einer komplett kanalisierten Strecke. Dasselbe Muster wie zuvor: Naturschutz gelingt dann, wenn er an eine ohnehin anstehende Maßnahme andockt. Dass das Projekt nun unter der Schirmherrschaft des Tourismusmanagements steht, zeigt zudem, dass hier nicht nur Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sondern auch lebenswerte Orte für Zweibeiner geschaffen werden.
Jetzt wurde es düster. Florian Glaser – Biologe und Amphibienexperte – fragte „Last frog standing?" und legte den Status quo der Amphibien im Tiroler Inntal auf den Tisch. Der Grasfrosch war früher eine Grünlandart, man konnte ihn zu Tausenden auf Wiesen und Weiden als Nahrungsmittel sammeln. Mit der Mechanisierung der Mahd kippte das. Zunächst waren zu viele Kadaver im Schnitt, das Heu verfaulte. Heute kein Problem mehr, man findet auf keiner Wiese mehr einen Frosch.
Schon die letzte große Erhebung vor 30 Jahren war ein Armutszeugnis. Seitdem hat sich die Grasfrosch-Population mehr als halbiert. Anspruchsvollere Arten stehen noch schlechter da, im Auenbereich des Inns ist faktisch nichts mehr. Bei der aktuellen Bedrohung steht beim Grasfrosch die Frühjahrstrockenheit im Vordergrund (die Laichgewässer fallen zu schnell trocken), bei der Erdkröte ist die Ursache unklarer. Engagierte Leute behelfen sich mit Kunststoffwannen als Ersatz-Laichgewässer. Eine traurige Analogie zum Laichplatzmanagement mit Spitzhacke und Bagger.
Genau da setzte Ilse Englmaier (Fau/Na Büro) mit der „mühsamen Suche nach der Gelbbauchunke im bayerischen Inntal südlich von Rosenheim" an. Amphibien-geeignete Kleingewässer werden oft mit Goldfischen besetzt und müssen wieder fischfrei gemacht werden. Dazu Probleme, an die man nicht sofort denkt: Hunde mit Zeckenschutz- und Flohmitteln, die in den Tümpeln baden und das Wasser vergiften. Unrühmliches Negativbeispiel: Ein Fischereiverein hat ein Amphibienbecken mit Regenbogenforellen besetzt. Ihr Kernpunkt: Weil die Flussdynamik fehlt, entstehen keine neuen fischfreien Gewässer mehr – und die Lurche brauchen genau die. Hiermit schließt sich der Kreis zur Geschiebe-Habitat-Studie. Der Inn braucht wieder die Chance, Lebensräume zu schaffen.
Einen versöhnlichen Abschluss gab es mit Dorena Buchmeier (Naturium am Inn) und Wolfgang Bacher (Verein natopia): Die beiden bilden INN-Guides aus und holen unter anderem über Schulexkursionen die nächste Generation an den Fluss.
Wenn ich den Tag in einem Satz zusammenfassen müsste: Die globalen Probleme haben sich seit der Studie INN 2000 (vgl. Spindler & Wintersberger 2000) kaum verändert. Im Tiroler Inn sind noch immer kaum Arten zu finden, die dorthin gehören. Weder im Wasser (Regenbogenforelle als Leitfisch?) noch in den fehlenden Auen. Es gibt ein zaghaftes Comeback der Nase, doch das Zusetzen der Sohle mit Feinsediment verhindert weiterhin Laich und Insektenproduktivität. Im Oberlauf drücken weiter Schwall und Sunk. Immerhin sieht man auf der Massnahmenkarte des Projekts einige lokale Ansätze.
Es würde auch im Großen gehen. Die Geschiebe-Habitat-Studie zeigt, dass mehr Raum und Geschiebe für den Inn die Ziele des Hochwasserschutzes und des Naturschutzes vereinen könnten. Auf dem Weg dahin braucht es vor allem Problembewusstsein und Vernetzung von Fachkompetenz. Wie es gehen kann, zeigen die VERBUND-Beispiele. Wenn der Bagger sowieso im Wasser arbeitet, kann er gleich einen Laichgrund aufschütten. In persönlichen Gesprächen, etwa mit Vertretern aus dem Hochwasserschutz, merkt man, dass Renaturierung längst als State of the Art gilt, dieser aber auch an anderen Fronten zu kämpfen hat. Deswegen klaffen zwischen Wasserbau, Ökologie und Fischerei noch immer Verständnislücken. Austauschformate wie der INN DIALOG sind deshalb genau richtig. Schade deswegen, dass die TIWAG sowohl im Projekt als auch bei der Veranstaltung durch Abwesenheit glänzt. Auch in der TIWAG gibt es sicherlich genug heimat- und naturverbundene Mitarbeitende, die gerne auch mal die ein oder andere Naturschutzmaßnahme unterstützen würden.
Der Inn braucht diese Hilfe: Im aktuellen Zustand geht es nicht ohne wiederkehrende Maßnahmen (Laichplatzbereitung und Co.), weil seine Regenerationsfähigkeit nicht mehr gegeben ist. Das ist im strengen Sinn nicht „nachhaltig", weil man immer wieder ran muss. Wenn wir das nicht tun, dann denken kommende Generationen, es sei normal, dass der Inn ein begradigter Angelteich mit Regenbogenbesatz und Steinpackungen als Ufer ist. Genau wie ich in keiner Wiese einen Grasfrosch mehr erwarte. Diese Verschiebung dessen, was wir als Normalzustand akzeptieren, ist der eigentliche Feind.
Zum Schluss noch mein Aufruf, mit einem kräftigen Augenzwinkern und doch ganz ernst gemeint: Wenn ihr Fische in Gewässern seht, in die sie nicht gehören – Goldfische im Amphibientümpel, Besatzforellen im Unken-Becken –, dann entnehmt sie. Wildnis verteidigt sich nicht von selbst.
Und ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten des INNsieme connet Projekts für ihre Arbeit und die gelungene Konferenz. Dank auch an Inn-Fischer Sepp für die wunderschöne Fliege.
Schälchli, U. (2021). The influence of annual bedload on channel width. In Proceedings of the International Symposium on Bedload Management 2021, Interlaken, 8.–10. November 2021 (S. 44–47). Wasser-Agenda 21 & Bundesamt für Umwelt (BAFU). https://doi.org/10.3929/ethz-b-000513098
Spindler, T., & Wintersberger, H. (2005). Einfluss der Wasserkraftnutzung auf den fischökologischen Zustand des Tiroler Inn. Natur in Tirol – Naturkundliche Beiträge der Abteilung Umweltschutz, 12, 94–105. https://www.zobodat.at/pdf/Natur-in-Tirol_12_0094-0105.pdf
Meine Leidenschaft fürs Angeln ging von Janosch aus, der dieser Tage übrigens 95 Jahre alt wurde. Der Bär und der Tiger waren auf ihrer Reise nach Panama immer erfolgreich, denn die gingen Pilze finden und Fische fangen.
Mein Bruder und ich machten unseren ersten Fang auf Opas Dachboden: In die Jahre gekommene, sehr verstaubte Angeln. Damit ging es zum erfolglosen Schwarzfischen. Am hellichten Tag, mitten im Ort. Keinen störte es, handelte es sich doch bei 80 % des Durchflusses unseres Bachs um einen Kläranlagenabfluss. Ich denke, in dieser Zeit waren die Fischereirechte nicht einmal vergeben. Inzwischen kümmert sich der Verein der Schwippe-Angler hingebungsvoll um das Gewässer.
Natürlich war der jugendliche Frust und Ehrgeiz groß, so wurden zunächst die Eltern genötigt, einen Angelschein zu machen. Diese hofften auf ruhige Wochenenden in der Natur, was mein Bruder und ich schon früh genug durch Neubestücken der Ruten, neue, bessere Positionen der Schwimmer und Verhuddeln der Schnur zu verhindern wussten. Wurm auf Grund oder Schwimmer war die Methode. Meine Eltern hofften darauf, eh keine Fische zu fangen, während mein Bruder und ich uns mit Fröschen, Holzangeln bauen und allem anderen beschäftigen konnten.
Mit zehn Jahren war es endlich soweit, ich durfte in Baden-Württemberg die Fischerprüfung ablegen und – unter Aufsicht – die Angel selbst in die Hand nehmen. Nun konnte ich neben dem örtlichen Angelverein auch dem Verein meines Großvaters und Onkels auf der Schwäbischen Alb beitreten und kam zum ersten Mal in den Genuss von Salmonidengewässern. Bis dahin aber nur mit der Spinnrute. Welches Kleinod wir da mit dem Kalksteinflüsschen befischten wurde mir leider erst sehr viel später klar.
Mit Wegzug in die Großstadt und Studium fror das Angeln etwas ein. Eine Konstante blieb der Bodensee, den wir jeden Sommer ausgiebig für drei Wochen befischten. Dabei bemerkten wir die Veränderungen über 30 Jahre: Am Anfang Quappen und Groppen unter jedem Stein – leicht mit der Hand zu fangen. Laubenschwärme und Dreikantmuscheln verschwanden und Karpfen verdrängten nach und nach die Brachsen. Die Karpfen wuchsen mit uns und mein Bruder entwickelte sich damit zum Karpfenangler, höchst erfolgreich. Mit entsprechendem Material- und Zeitinvestment, sodass er am Ende seine eigenen Boilies produzierte und vertrieb. Irgendwann biss dann der erste Wels auf einen der Boilies. Ein weiteres Zeichen der Veränderung unseres Lieblingsgewässers.
Ich brauchte eine andere Art des Angelns. Mehr in der Natur sein, ohne viel Material unterwegs, etwas, das durchgängig den Raum im Kopf mit Ruhe füllt. Zurück in Süddeutschland hatte ich schon länger mit dem Gedanken gespielt, das Fliegenfischen zu versuchen. Der Ruf der schwierigen Wurf-Technik und vor allem der Mangel an zugänglichen Salmonidengewässern schreckten mich ab. Dann aber entdeckte ich auf Hejfish eine Tageskarten-Strecke im oberen Albtal im Nordschwarzwald. Nur 30 Minuten Autofahrt und bezahlbar. Ich suchte auf Kleinanzeigen eine gebrauchte Ruten-Combo und holte sie für 25 € ab. Die Rute, Rolle sowie Schnur waren eine Katastrophe, aber so kam ich für studentenfreundliche 50 € inkl. Tageskarte ans Wasser.
Ans Wasser oder zumindest ins Gestrüpp, da der Bach an vielen Stellen kaum watbar und sehr dicht bewachsen war. Immerhin landeten so auch einige Stangen junger Staudenknöterich in meinen Taschen;um das Abendessen zu sichern, sollte sich kein Fangerfolg einstellen. Tatsächlich erbarmte sich dann doch noch eine Rotgetupfte meiner Nassfliege, die ich unter ein unterspültes Ufer treiben ließ. Aber unabhängig vom Fangerfolg: Ich war hooked! Das war meine Art zu fischen. Immer in Bewegung, immer am Erkunden – egal ob Botanik oder Ruine einer alten Mühle, durchs Gestrüpp an Orte, an denen sonst niemand war.
So schlug ich mich noch einige Male mit Indianer-Fischen durch, bis ich durch Claude Behr im nahegelegenen Elsass einen geeigneten Mentor fand, der mich in die Grundlagen des Fliegenfischens einwies. Hierbei war auch der von ihm initiierte Forellenteich Réservoir des Cigognes exklusiv für Fliegenfischer Gold wert. Hier konnte ich ohne Gebüsch das Werfen üben, nicht-angelnden Freunden und Familienmitgliedern die Faszination zeigen und ohne schlechtes Gewissen meinen Fang verspeisen. Solche Orte sind in meinen Augen wichtig, um die Zugänglichkeit unserer Leidenschaft zu waren. Vor allem, weil unsere naturnahen Gewässer unter immer größerem Druck stehen. Die größte Freude blieben aber die Entdeckungstouren in der weiteren Umgebung. Je unzugänglicher, desto besser.
Ich glaube, wir vergessen manchmal, wie obskur und elitär das Fliegenfischen von außen erscheinen mag. Deswegen mein Aufruf: Nehmt mal wieder jemanden mit und teilt unsere Faszination für eine Art des Angelns, bei der nicht nur der Fangerfolg im Zentrum steht.
Mein Bruder ist inzwischen natürlich auch mehr Fliegenfischer als Karpfenangler. Seine Definition von Glück: Acht Stunden Autofahrt, zwei Tage bei knapp über Null im Nieselregen in der Ostsee stehen und keine Meerforelle fangen.