Wilde Bachforellen – Warum der Wildfisch für mich den Unterschied macht
Der Blick von der Brücke
Wenn es meine Zeit gerade zuläßt kann ich nicht leicht über eine Brücke fahren, ohne einen Blick ins Wasser zu werfen. In der Hoffnung, den einen oder anderen Fisch auszumachen. Natürlich auch im Urlaub auf der Mittelmeerinsel Korsika.
Wer sich sie besonders kurzschnäuzigen Bachforellen genauer anschauen möchte, kann einen Blick in den wissenschalftlichen Artikel von Schöffmann 2021 in Österreichs Fischerei Band 74 werfen.
Korsische Lektionen in Vorsicht
Bei meinen ersten Versuchen, eine dieser besonderen korsischen Bachforellen an die Fliege zu bekommen, hatte ich schon die Erfahrung gemacht, daß diese Fische außerordentlich scheu sind und bei unvorsichtigem Verhalten sofort flüchten.
An einer steinernen Brücke mit einer recht hohen Brüstung konnte ich mich bis zur Mitte in gebückter Haltung annähern, ohne eine weithin sichtbare Silhuette abzugeben.
Ganz langsam hob ich meinen Kopf über die Brüstung, um einen Blick ins Wasser zu werfen. Leider konnte ich nur noch die panisch flüchtenden Bachforellen unter mir wahrnehmen. Die Brücke war sicher mehr als zehn Meter hoch und die Sonne stand so, daß dass kein Schatten von mir aufs Wasser fiel. Und ich hatte wirklich nur meinen Kopf über die Brüstung geschoben.
Foto von Christian Lendl auf Unsplash"
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Die Schönheit der Bachforelle
Bachforellen sind für mich die schönsten heimischen Fische. Sie entwickeln ein unglaubliches Farbenspektrum. In Gewässern mit hellem Kiesgrund können sie hell silbern wie frisch aufgestiegene Lachse wirken, bei denen kaum eine Zeichnung erkannt werden kann.
In Berg- und Wiesenbächen sind sie oft deutlich braun, grün und am Bauch satt gelb gefärbt, mit kräftigen roten Punkten. Größere Forellen in ihren Unterständen dagegen sind meist sehr dunkel, manchmal fast schon schwarz. Ein unglaubliches breites Farbenspektrum können diese Fische entwickeln.
Die Bachforelle braucht den Vergleich zu bunten exotischen Fische in fernen Ländern nicht zu scheuen, sie ist eine wahre Schönheit!
Ja, und wilde Bachforellen sind scheu. Wilde Bachforellen leben auch gerne heimlich und nutzen vorhandene Strukturen perfekt, um sich den Blicken ihrer Feinde zu entziehen.
Der Überraschungsfisch im Mühlkanal
An einem Mühlkanal ließ es der üppige Uferbewuchs zu, daß ich mir gut blickgeschützt nähern konnte. An einigen Stellen gab es kleine Lücken in der Botanik, die vorsichtige Würfe aufs Wasser zuließen. Einige schöne Regenbogenforellen waren im Mittelwasser nahe dem gegenüberliegende Ufer auszumachen.
Ich fand eine Wurfposition, wo ich meine Trockenfliege mit genug Vorhalt präsentieren konnte. Der Wurf gelang, die Fliege landete nur wenige Zentimeter oberhalb eines kleinen Pflanzenteppichs, der unspektakulär über die Betonkante des Kanals wucherte.
Als die Fliege an dem Pflanzenteppich vorbei trieb, schob eine gute Bachforelle ihren Kopf unter den Pflanzen heraus und nahm die Fliege. Trotz meiner Überraschung gelang der Anhieb und ich konnte die wunderschön gefärbte, kräftige Bachforelle landen. Mit knapp über fünfzig Zentimetern war sie deutlich größer, als die Regenbogenforellen, die ich eigentlich anfischen wollte.
Schnell wurde der Fisch noch im Wasser vom Schonhaken befreit und durfte davonschwimmen.
Niemals hätte ich vermutet, daß unter dem kleinen Pflanzenbewuchs eine so große Forelle stehen könnte, die gerade mal so darunter passte.
Wild gegen besetzt – zwei Welten
Besetzte Bachforellen dagegen verhalten sich meist völlig anders. Die findet man oft auch im Freiwasser und sie haben eine deutlich größere Toleranz gegenüber unvorsichtigem Annähern oder Fliegenfischern, die gerne ins Wasser rennen, bevor sie die ersten Würfe machen. In der Fischzucht kennen die Fische Menschen vor allem, weil sie Futter ins Wasser werfen. Entsprechend leichter sind besetzte Bachforellen auch für den Fischer fangbar.
Anschleichen statt Anwaten
An Gewässern mit wild gewachsenen Bachforellen sollte man deshalb alle nur denkbaren Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Das beginnt bei der Annäherung ans Wasser. Es sollte eher ein Anschleichen mit langsamen, bedächtigen Bewegungen sein. Die besten Fische stehen oft direkt am eigenen Ufer.
Ins Wasser sollte man nur gehen, wenn es gar nicht anders möglich ist. Wilde Fische erkennen auch an den Druckwellen im Wasser, daß etwas nicht stimmt.
Leerwürfe über dem Wasser sollten vermieden werden. Besser die Leerwürfe außerhalb des Sichtbereiches der Fische machen und erst mit finalen Würfen die Standplätze der Bachforellen anwerfen.
Daran denken, daß flüchtende Fische auch anderen Fische beunruhigen, selbst wenn diese den Fischer noch gar nicht wahrgenommen haben.
Können besetzte Fische wild werden?
Natürlich lernen auch besetzte Bachforellen dazu, wenn sie lange genug überlebt haben. Wenn sie nicht ein Hochwasser weggespült hat, wenn die unerfahrenen Fische nicht leichte Beute von Prädatoren wurden, sie nicht in der Bratpfanne gelandet sind, mit nicht waidgerechtem Material zu Tode gedrillt wurden, oder an den Folgen einer längeren Fotosession verendeten.
Für die wenigen besetzten Bachforellen, die all das überlebt haben, gelten dann natürlich die gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie für wild gewachsene Bachforellen.
Der entscheidende Unterschied
Für mich gibt es aber einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Gewässern ohne Besatz und Gewässern mit Besatz:
Nur bei Gewässern mit reinen Wildfischen kann ich sicher sein, alles richtig gemacht zu haben. Daß es meine Erfahrungen und mein Können waren, die den Fisch überlistet haben.
Daß es eben keine unerfahrenen halb verhungerten Fische waren, die an den Haken gingen, die noch vor Kurzem in einem Teich ihre Runden gedreht haben und praktisch alles nehmen, das man ihnen so hinwirft.
Dankbarkeit und Demut
Klar, daß man nicht immer die Möglichkeit hat, seiner Passion in Gewässern mit reinen Wildfisch-Beständen nachzugehen. Mir geht es auch so, daß nur sehr wenige Reviere in meiner Nähe sind, die ganz ohne Besatzmaßnahmen bewirtschaftet werden und wo man Zugang hat.
Um so mehr freue ich mich auf die Tage im Jahr, an denen ich meine Leine auf echte wilde Fische entfalten darf. Wo jeder Fisch, den ich mit der künstlichen Fliege überzeugen kann, mir das Gefühl gibt, dass ich über die Jahre beim Fliegenfischen etwas gelernt habe.
Es gibt natürlich auch die Momente, wo die wilden Fische mir zeigen, daß ich nicht alles richtig gemacht habe und daß ich besser noch dazulernen sollte. Diese Momente vermitteln mir dann wieder das nötige Maß an Bescheidenheit und Selbstreflexion, das untrennbar mit dem Fliegenfischen verbunden sein sollte.