Vom Hecht, der nicht mehr wegschwamm

Gestern früh begrüßt mich ein Arbeitskollege, der noch kein Fliegenfischer ist, mit einer Geschichte, die er selbst als bittersüß bezeichnet.

Letzte Woche, heißer Nachmittag, noch schnell raus auf den See, wo auch unser Boot liegt. Auf Hecht schleppen. Dass die Hitze nicht nur den Salmoniden zusetzt, ist ihm durchaus bewusst, aber es wird schon gehen. Schnell drillen, nicht aus dem Wasser nehmen, man kennt sich ja eh aus.

Und dann passiert es. Kurz vor Schluss steigt der Hecht ein, von dem man sonst höchstens träumt, wenn man den Schwedenurlaub plant. Weit über einen Meter, ich habe die Bilder selbst gesehen. Für solche Ausnahmefische gilt an diesem See ein Rücksetzgebot, es gibt ein Entnahmefenster.

Aller Behutsamkeit zum Trotz: Der Fisch schwimmt nicht mehr aus eigener Kraft vom Boot weg.

Mein letzter heißer Sommertag auf dem See.

Das sollte uns eine Warnung sein. Es gibt beim Fischen Temperaturgrenzen Sie gelten besonders dann, wenn wir den gefangenen Fisch nicht entnehmen wollen oder schlicht nicht dürfen.

Die Sauerstoffschere

So hat es der Tiroler Fischereiverband in seinem Instagram-Reel genannt:  Mit steigender Temperatur löst sich weniger Sauerstoff im Wasser, während der Fisch als wechselwarmes Tier gleichzeitig mehr davon braucht. Letztendlich erstickt der Fisch bei zu warmen Wasser. Besonders, bei körperlicher Anstrengung und Stress, wie der Drill eines Meter-Hechts.

Dass es wirklich am Sauerstoff hängt und nicht an der Temperatur selbst, sieht man am schönsten in der Fischzucht. Dort wird Sauerstoff aktiv eingebracht. Unter diesen Bedingungen kann man Becken deutlich wärmer fahren als im Bach – und die Fische fressen und wachsen sogar schneller, weil der Stoffwechsel auf Touren läuft. Im Experiment nahmen Bachforellen bei starker Sauerstoffübersättigung noch zwischen 25 und 28 °C Nahrung auf.

Im Gewässer gibt es diesen künstlich eingebrachten Sauerstoff nicht. Besonders perfide: Wenn der Sauerstoff ausgeht steigt der Laktatpegel, wie wir es z.B. vom Treppen-Steigen kennen. Unter anhaltendem Sauerstoffmangel kann der Fisch dieses kaum noch abbauen. Deshalb sterben viele zurückgesetzte Fische nicht im Kescher, sondern Stunden bis Tage später.

Wo und wann man misst

Wir sollten uns also vor dem Fischen bewusst machen, wie warm das Wasser ist. Am Bach ist die Sache einfach: Turbulentes Fließwasser ist gut durchmischt, ein Wert genügt. Sinnvoller Weise in der Strömung und wenn möglich mehrmals am Tag. Zwischen 15 und 18 Uhr erreicht die Wassertemperatur oft ihr Maximum. Wer um 9 Uhr 15 °C misst, fischt um 17 Uhr womöglich bei 21 °C.

Am See interessiert uns vorallem die warme Deckschicht an der Oberfläche. Im Sommer liegt diese über der Sprungschicht, darunter bleibt es kühl. Entscheidend ist die Temperatur dort, wo der Fisch gedrillt wird und sich erholen muss, also an der Oberfläche.

Vorher nachschauen, statt umsonst zu fahren

Wer eine Stunde oder mehr Anfahrt hat, sollte die Entscheidung nicht erst am Wasser treffen. Die Hydrographischen Dienste messen an vielen Pegeln neben Wasserstand und Abfluss auch die Wassertemperatur, meist stündlich und frei abrufbar:

  • Tirol: Hydro Online – Wasserstand, Durchfluss und Wassertemperatur an ausgewählten Stationen. Die übrigen Bundesländer haben eigene Portale, österreichweit gebündelt über eHYD.
  • Bayern: GKD Bayern – eigene Rubrik „Wassertemperatur der Flüsse", stündliche Werte, CSV-Download.
  • Schweiz: hydrodaten.admin.ch – Karte mit rund 80 Temperaturmessstellen.

Wann stellen wir das Fischen ein?

Bei den Salmoniden ist die Datenlage am besten: Oberhalb von rund 18 °C steigt die Rücksetzsterblichkeit steil an, und Temperatur und Luftexposition wirken dabei nicht additiv, sondern verstärken einander.  Keep Em Wet sollte eigentlich Standard sein, ist jetzt aber besonders wichtig!

Beim Hecht ist die Studienlage dünner; die international gängige Faustregel für Hecht und Muskie liegt bei etwa 24 °C, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass Großfische das größte Risiko tragen. Genau die also, die unter ein Entnahmefenster fallen.

Barsch, Karpfen, und Wels hingegen kommen auch noch mit Wassertemperaturen um die 28 °C und können Ausweichziele sein.

Warum Naturfische besser damit klarkommen

Die Bachforelle ist eine der anpassungsfähigsten Fischarten überhaupt. Dies gilt aber nicht für den einzelnen Fisch, der mit Temperaturschwankungen nur schlecht zurechtkommt, sondern für die Fischart Bachforelle und ihre genetische Anpassungsfähigkeit an verschiedene Umweltbedingungen.

Bestände unterscheiden sich genetisch in ihrer Temperaturtoleranz, teils schon auf wenigen Flusskilometern, und in Untersuchungen an Schweizer Populationen zeigen genau jene Genabschnitte Selektionsspuren, die mit oberer Temperaturtoleranz zu tun haben.

Plakativ: Man stelle sich vor, man nimmt einen Stamm aus einem Gebirgssee (wie unsere Tiroler Urforelle) und setzt ihn in einen spanischen Bach. Die Art ist zwar dieselbe. Aber die spanische Population hat zehntausend Jahre lang gelernt, mit Sommerhitze und Niedrigwasser umzugehen und die Anpassungen Generation um Generation weiter-vererbt. Der Gebirgssee-Stamm hingegen hat gelernt, wie man ein kurzes, kaltes Jahr optimal ausnutzt. Diese natürliche Zuchtauswahl auf die jeweiligen Umweltbedingungen macht das Überleben in richtigen Habitat überhaupt erst möglich, würde aber zu sehr geringen Überlebenschancen im falschen Gewässer führen.

Genau das passiert im Kleinen bei jedem Besatz mit beliebigem Material. In mediterranen Flüssen gehört die Einkreuzung atlantischer Zuchtstämme heute zu den stärksten negativen Faktoren für Bestandsdichte – neben der Sommertemperatur selbst. Zuchtfische werden auf Wachstum und Handhabbarkeit selektiert, in konstant kühlem, sauerstoffgesättigtem Wasser. Auf Hitzetoleranz selektiert dort niemand. Und wenn sie ins Gewässer kommen, kennen sie die Kaltwasserrefugien nicht – Quellaustritte, Zubringermündungen, tiefe Kolke –, die Wildfische gezielt aufsuchen.

Kurz: Besatz ist keine Antwort auf ein Temperaturproblem. Beschattung, Restwasser und der Schutz der Kaltwasserzutritte sind es.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob langsames Einkreuzen hitzetoleranter Wildbestände die Klima-Wandel-Anpassung verschnellern kann. Zu Chancen und Risiken hierzu gibt es aber meines Wissens noch keine Forschung.

Quellen

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