Revier Steinberger Ache – Drei Strecken, ein Lebensraum
Die Steinberger Ache ist ein alpiner Wildbach im Tiroler Kalkstein und beheimatet eine der wenigen weitgehend autochthonen Bachforellenpopulationen der Region. Das Revier gliedert sich in drei Strecken, die durch einen Wasserfall sowie einer Sohlschwelle voneinander getrennt sind. Diese Topographie nutzen wir in unserer Bewirtschaftungsphilosophie in der wir die Populationsgenetik, Fischereidruck und die Eigenheiten alpiner Salmoniden zusammen denken.
Dieser Beitrag erklärt, warum wir das Revier so führen, wie wir es führen – und nimmt euch mit auf jede der drei Strecken. Wer am Ende keine Lust hat, eine Rute zu schnüren, dem ist nicht zu helfen.
Drei Strecken, ein Kontinuum – die Logik dahinter
Aus fischökologischer Sicht ist ein Fließgewässer ein vierdimensionales System: längs , quer , vertikal und über die Zeit. Das bedeutet für uns, dass wir den die Ache beim befischen in vier Richtungen zerlegen müssen:
- Fluss-auf und -ab: Wo halten wir an, weil wir hier Bachforellen vermuten?
- Von den Überflutungsflächen zur Mitte: oft übersehen wir die guten Standplätze direkt am Ufer
- Präsentieren wir unsere Trockenfliege an der Oberfläche oder greifen wir lieber zur Nymphe?
- Wann gehen wir überhaupt fischen? Passend dazu mein Beitrag zum Abflussregime.
Wie gut es der Bachforelle in gestreckten Oberläufen geht, hängt dabei zentral von der longitudinalen Konnektivität zwischen Abschnitten ab – Wanderungen zwischen Sommer-, Winter- und Laichhabitaten sind bei ihr die Regel, nicht die Ausnahme (Jungwirth et al. 2003). Selbst stationäre Forellen wandern zur Laichzeit; ein Teil der Population, insbesondere größere Individuen, ist generell wanderungsaktiv. Damit sind insbesondere die gelegentlich auftretenden fischfressenden Individuen gemeint, die wird auch auf Streamer fangen können. Diese sich gerne verstecken und nur an und an auf der Suche nach Beute das Revier durchstreifen.
Diese Konnektivität ist in der Steinberger Ache teilweise natürlich, teilweise durch Bauwerke unterbrochen. In der Karte der oberen Strecke findet ihr eine Reihe von Staustufen eingezeichnet. Es gibt aber auch einige natürliche Hindernisse. Der Wasserfall im unteren Bereich ist für aufsteigende Fische unüberwindbar, ebenso der Wasserfall zwischen oberer Strecke und Jahreskartenstrecke. Das Resultat: drei natürlicher weise weitgehend isolierte Teilpopulationen, in denen ein Genaustausch nur flussabwärts – etwa bei Hochwasser – stattfinden kann.
Das kann auch unter natürlichen Bedingungen zu einem Problem werden. Für den langfristigen Erhalt einer genetisch gesunden Population gilt seit Franklin (1980) die 50/500-Regel: mindestens 50 effektiv fortpflanzungsfähige Individuen kurzfristig, mindestens 500 langfristig, um genügend genetische Variabilität zu bewahren. Für Fischpopulationen in dynamischen Fließgewässern werden eher Werte um 1000 Individuen diskutiert, weil Katastrophenhochwasser oder lange Trockenperioden ganze Abschnitte entvölkern können. Zwischen Teilpopulationen gilt heute ein Bereich von 1–10 Migranten pro Generation als populationsgenetisches Minimum (Jungwirth et al. 2003). Das erklärt auch das Problem mit künstlichen Verbauungen. Eine Hand voll natürlicher Wasserfälle auf vielen kilometern Fischwasser, lässt gesunde Teilpopulationen zu. Eine Serie von zehn Querbauwerken auf zwei Kilometern bietet zwar viele Standorte für gut abwachsende Forellen, ist langfristig nicht selbst-erhaltend.
Drei Strecken bedeuten also: drei Subpopulationen, jede für sich an der Untergrenze dessen, was als nachhaltig gilt. Unsere Bewirtschaftung ist der Versuch, dieser Gegebenheit mit aktivem Management zu begegnen – ohne der Versuchung des Besatzes nachzugeben, der die genetische Integrität sofort kompromittieren würde. Kreuzungen mit standortfremden Fischen können zu Verlust lokaler Anpassung, reduzierter Reproduktivität und erhöhter Krankheitsanfälligkeit führen (Weiss & Schmutz 1999, ref. in Jungwirth et al. 2003).
Die Jahreskartenstrecke – Rückzug im Zauberwald
Die Steinberger Ache ist ein alpiner Wildbach im Tiroler Kalkstein und beheimatet eine der wenigen weitgehend autochthonen Bachforellenpopulationen der Region. Das Revier gliedert sich in drei Strecken, die durch einen Wasserfall sowie eine Sohlschwelle voneinander getrennt sind. Diese Topographie nutzen wir in unserer Bewirtschaftungsphilosophie in der wir die Populationsgenetik, Fischereidruck und die Eigenheiten alpiner Salmoniden zusammen denken.
Dieser Beitrag erklärt, warum wir das Revier so führen, wie wir es führen – und nimmt euch mit auf jede der drei Strecken. Wer am Ende keine Lust hat, eine Rute zu schnüren, dem ist nicht zu helfen.
Drei Strecken, ein Kontinuum – die Logik dahinter
Aus fischökologischer Sicht ist ein Fließgewässer ein vierdimensionales System: längs , quer , vertikal und über die Zeit. Das bedeutet für uns, dass wir den die Ache beim befischen in vier Richtungen zerlegen müssen:
- Fluss-auf und -ab: Wo halten wir an, weil wir hier Bachforellen vermuten?
- Von den Überflutungsflächen zur Mitte: oft übersehen wir die guten Standplätze direkt am Ufer
- Präsentieren wir unsere Trockenfliege an der Oberfläche oder greifen wir lieber zur Nymphe?
- Wann gehen wir überhaupt fischen? Passend dazu mein Beitrag zum Abflussregime.
Wie gut es der Bachforelle in gestreckten Oberläufen geht, hängt dabei zentral von der longitudinalen Konnektivität zwischen Abschnitten ab – Wanderungen zwischen Sommer-, Winter- und Laichhabitaten sind bei ihr die Regel, nicht die Ausnahme (Jungwirth et al. 2003). Selbst stationäre Forellen wandern zur Laichzeit; ein Teil der Population, insbesondere größere Individuen, ist generell wanderungsaktiv. Damit sind insbesondere die gelegentlich auftretenden fischfressenden Individuen gemeint, die wird auch auf Streamer fangen können. Diese sich gerne verstecken und nur an und an auf der Suche nach Beute das Revier durchstreifen.
Diese Konnektivität ist in der Steinberger Ache teilweise natürlich, teilweise durch Bauwerke unterbrochen. In der Karte der oberen Strecke findet ihr eine Reihe von Staustufen eingezeichnet. Es gibt aber auch einige natürliche Hindernisse. Der Wasserfall im unteren Bereich ist für aufsteigende Fische unüberwindbar, ebenso der Wasserfall zwischen oberer Strecke und Jahreskartenstrecke. Das Resultat: drei natürlicher weise weitgehend isolierte Teilpopulationen, in denen ein Genaustausch nur flussabwärts – etwa bei Hochwasser – stattfinden kann.
Das kann auch unter natürlichen Bedingungen zu einem Problem werden. Für den langfristigen Erhalt einer genetisch gesunden Population gilt seit Franklin (1980) die 50/500-Regel: mindestens 50 effektiv fortpflanzungsfähige Individuen kurzfristig, mindestens 500 langfristig, um genügend genetische Variabilität zu bewahren. Für Fischpopulationen in dynamischen Fließgewässern werden eher Werte um 1000 Individuen diskutiert, weil Katastrophenhochwasser oder lange Trockenperioden ganze Abschnitte entvölkern können. Zwischen Teilpopulationen gilt heute ein Bereich von 1–10 Migranten pro Generation als populationsgenetisches Minimum (Jungwirth et al. 2003). Das erklärt auch das Problem mit künstlichen Verbauungen. Eine Hand voll natürlicher Wasserfälle auf vielen kilometern Fischwasser, lässt gesunde Teilpopulationen zu. Eine Serie von zehn Querbauwerken auf zwei Kilometern bietet zwar viele Standorte für gut abwachsende Forellen, ist langfristig nicht selbst-erhaltend.
Drei Strecken bedeuten also: drei Subpopulationen, jede für sich an der Untergrenze dessen, was als nachhaltig gilt. Unsere Bewirtschaftung ist der Versuch, dieser Gegebenheit mit aktivem Management zu begegnen – ohne der Versuchung des Besatzes nachzugeben, der die genetische Integrität sofort kompromittieren würde. Kreuzungen mit standortfremden Fischen können zu Verlust lokaler Anpassung, reduzierter Reproduktivität und erhöhter Krankheitsanfälligkeit führen (Weiss & Schmutz 1999, ref. in Jungwirth et al. 2003).
Die Jahreskartenstrecke – Rückzug im Zauberwald
Oberhalb des Wasserfalls und des Stollenlochs auf der Straße beginnt unser genetisches Reservoir. Mal klammartig in eingegrabenen Felsschluchten, mal entspannt durch einen Wald, in dem das Licht durch Moose und Flechten fällt, als hätte jemand Wasserfarbe ins Tageslicht gemischt – der Zauberwald macht seinem Namen Ehre.
Diese Strecke ist Guidings und Jahreskartenfischern vorbehalten. Der Druck ist gering, die Forellen entsprechend wenig gestört. Hier laichen die Mütter; die kleinen Zubringerbäche fungieren als klassische Kinderstube – Befunde von Bembo et al. (zit. in Jungwirth et al. 2003) zeigen, dass solche Zubringer das Jungfischaufkommen im Hauptgewässer überhaupt erst tragen, weil dort die Juvenilen schlüpfen und oft erst nach dem ersten Jahr abwandern.
Fischereilich ist die Jahreskartenstrecke kein Forderungs-, sondern ein Geduldsrevier. Die Hotspots sind kleine, tiefere Kolke (Pools), oft kaum größer als eine Badewanne, manchmal eingerahmt von Totholz oder einem hängenden Felsblock. Anschleichen ist hier nicht Stilfrage, sondern Voraussetzung: Wer die Pirsch im Kopf nicht ernst nimmt, fischt nur über bereits gewarnte Fische oder leeren Wasser. Tiefe Profile, kurze Würfe, Trockenfliege oder kleine Nymphe – mehr braucht es selten.
Die obere Strecke – wo das Tal atmet
Oberhalb des Parkplatzes an der Brücke weitet sich das Tal. Die Steinberger Ache verliert ihre alpine Enge, mäandriert flacher, sucht sich Bahn zwischen lichten Schotterbänken und Schwemmkegeln. Auf dieser Strecke verkaufen wir auch Tageskarten – sie ist die zugänglichste der drei und doch alles andere als einfach.
Diese Strecke wird nicht besetzt. Die Bestandsdichte ist allein durch natürliche Reproduktion gegeben. Fische stehen wo Wasser tiefer wird oder wo ein einzelner Block einen Standplatz erzeugt. Auch unter den oben angesprochenen Querbauwerken finden sich gute Pools.
In den flachen Bereichen ist es besonders wichtig, das Wasser zu lesen. Glatte Oberflächen in den Riffeln, Übergänge am Ende einer schnellen Rinne, das ruhige Polster hinter einem Felsbrocken. Diese Mikrostrukturen wollen präzise angeworfen werden. Oft sind einem nur ein Augenblick dragfreie Drift vergönnt, bevor eine Querströmung die die Schnur erfasst. Viele präzise Präsentationen und Strecke machen sind hier das Mittel der Wahl. Trotz dieses schnellen Fischens sollte man sich auf leisen Sohlen bewegen. Eine Bachforelle, die einmal Schritte gespürt hat, ist für eine Stunde verloren.
Die untere Strecke – tiefe Züge, Felswände, Geheimnisse und die Tiroler Urforelle
Trotz hohem Freizeitdruck und einem Badestrand im Sommer zeigen unsere Elektrobefischungen in der unteren Strecke konsistent eine sehr hohe Fischdichte. Wer die Erwartung „viel los am Wasser = wenig Fisch" mitbringt, wird hier eines Besseren belehrt.
Flussab werden die Züge tiefer. Wo das Wasser gegen Felswände prallt und sich in dunkle Kolke schraubt, müssen die größten Forellen des Reviers stehen. Wir sehen sie gelegentlich. Wir fangen sie selten. Genau das ist Teil der Faszination.
Hier weichen wir bewusst von unserer sonstigen Besatzphilosophie ab. Wir sind keine Dogmatiker: Ein gewisser Genaustausch ist insbesondere wegen des unterbrochenen Kontinuums notwendig. Ungünstig wäre es aber, wenn aus unteren Revieren unten Besatzforellen mit ortsfremden Genen einwandern und sich mit unseren Tieren vermischen. Hybridisierung, vorallem mit Zuchstämmen, kann zu Verlust lokaler Anpassung, geringerem Wachstum und höherer Anfälligkeit für Krankheiten und Parasiten führen.
Unser Besatz im unteren Teil dieser Stelle ist deshalb klein, gezielt und genetisch korrekt: Tiroler Urforelle aus der Fischzucht Thaur. Diese geht auf Linien der Donaustämmigen Bachforelle zurück, die seit dem mittelalter in Refugien isoliert von atlantischen Besatzforellen überlebt haben. Hiervon setzen wir einige hundert einsömmrige Exemplare.
Die Logik dahinter: Möglichst kleine, möglichst zahlreiche Tiere geben der natürlichen Selektion das letzte Wort. Es setzen sich jene durch, die ans Gewässer am besten angepasst sind – nicht jene, die in der Zucht groß geworden sind. So wird der lokale Genpool mit dem passendsten Material aufgefrischt, ohne dominiert zu werden.
Aktiver Genaustausch – wenn Mütter umziehen
Jeder Besatz ist ein doppeltes Risiko: genetisch (Verdünnung oder Verschiebung) und sanitär (Einschleppung von Krankheiten und Parasiten). Letzteres ist in einem Revier mit drei isolierten Teilpopulationen besonders heikel, da unsere Populationen durch ihre Isolation bisher auch keine Resistenzen aufbauen konnten. Hier bringt uns die Kontinuums-Unterbrechung aber auch einen Vorteil: Eine Krankheit, die in der unteren Strecke ausbricht, kann den Wasserfall nicht überwinden. Die obere Strecke und das genetische Reservoir bleiben passiv geschützt.
Diesen passiven Schutz nutzen wir – aber wir lassen die oberen Teilpopulationen genetisch nicht verarmen. Etwa fünf bis zehn ausgesuchte, gesund wirkende, geschlechtsreife Forellen versetzen wir periodisch aus der unteren in die oberen Strecken. Das entspricht in Größenordnung dem populationsgenetisch empfohlenen Bereich von 1–10 Migranten pro Generation. Die größte, dichteste, durch Besatz geringfügig diversifizierte Population speist so kontrolliert die kleineren, isolierten – mit gesundem Material statt mit Zuchtfischen.
Was das Revier von euch verlangt
Drei Strecken, drei Stimmungen. Klamm und Zauberwald oben. Weites Schotterbett mit unerwarteten Tiefen in der Mitte. Tiefe, felsige Züge mit den großen Geheimnissen unten. Wer alle drei in einer Saison fischt, hat im Grunde drei verschiedene Reviere befischt – und versteht am Ende, warum Bachforellenbewirtschaftung mehr ist als Besatzkalender und Fangstatistik.
Was wir uns wünschen: Pirscht. Lest das Wasser. Geht respektvoll mit dem Catch-and-release um, wo es uns wichtig ist. Und kommt zurück.
Literatur
- Allan, J.D. & Castillo, M.M. (2007): Stream Ecology. Structure and Function of Running Waters. 2. Aufl., Springer.
- Behrendt, A. (1977): The Management of Angling Waters. André Deutsch, London.
- Hao, F. & Chen, Y. (2009): The reproductive traits of brown trout (Salmo trutta fario L.) from the Yadong River, Tibet. Environ Biol Fish 86: 89–96. doi:10.1007/s10641-008-9363-5
- Jungwirth, M., Haidvogl, G., Moog, O., Muhar, S., Schmutz, S. (2003): Angewandte Fischökologie an Fließgewässern. Facultas/UTB, Wien.