Vom Wurm zur Fliege – Wie ich zum Fliegenfischen kam
Oh, wie schön ist Panama
Meine Leidenschaft fürs Angeln ging von Janosch aus, der dieser Tage übrigens 95 Jahre alt wurde. Der Bär und der Tiger waren auf ihrer Reise nach Panama immer erfolgreich, denn die gingen Pilze finden und Fische fangen.
Mein Bruder und ich machten unseren ersten Fang auf Opas Dachboden: In die Jahre gekommene, sehr verstaubte Angeln. Damit ging es zum erfolglosen Schwarzfischen. Am hellichten Tag, mitten im Ort. Keinen störte es, handelte es sich doch bei 80 % des Durchflusses unseres Bachs um einen Kläranlagenabfluss. Ich denke, in dieser Zeit waren die Fischereirechte nicht einmal vergeben. Inzwischen kümmert sich der Verein der Schwippe-Angler hingebungsvoll um das Gewässer.
Nahe an der Nötigung – die Eltern am Wasser
Natürlich war der jugendliche Frust und Ehrgeiz groß, so wurden zunächst die Eltern genötigt, einen Angelschein zu machen. Diese hofften auf ruhige Wochenenden in der Natur, was mein Bruder und ich schon früh genug durch Neubestücken der Ruten, neue, bessere Positionen der Schwimmer und Verhuddeln der Schnur zu verhindern wussten. Wurm auf Grund oder Schwimmer war die Methode. Meine Eltern hofften darauf, eh keine Fische zu fangen, während mein Bruder und ich uns mit Fröschen, Holzangeln bauen und allem anderen beschäftigen konnten.
Endlich Fischerprüfung – und die ersten Salmoniden
Mit zehn Jahren war es endlich soweit, ich durfte in Baden-Württemberg die Fischerprüfung ablegen und – unter Aufsicht – die Angel selbst in die Hand nehmen. Nun konnte ich neben dem örtlichen Angelverein auch dem Verein meines Großvaters und Onkels auf der Schwäbischen Alb beitreten und kam zum ersten Mal in den Genuss von Salmonidengewässern. Bis dahin aber nur mit der Spinnrute. Welches Kleinod wir da mit dem Kalksteinflüsschen befischten wurde mir leider erst sehr viel später klar.
Studium, Großstadt und der Bodensee
Mit Wegzug in die Großstadt und Studium fror das Angeln etwas ein. Eine Konstante blieb der Bodensee, den wir jeden Sommer ausgiebig für drei Wochen befischten. Dabei bemerkten wir die Veränderungen über 30 Jahre: Am Anfang Quappen und Groppen unter jedem Stein – leicht mit der Hand zu fangen. Laubenschwärme und Dreikantmuscheln verschwanden und Karpfen verdrängten nach und nach die Brachsen. Die Karpfen wuchsen mit uns und mein Bruder entwickelte sich damit zum Karpfenangler, höchst erfolgreich. Mit entsprechendem Material- und Zeitinvestment, sodass er am Ende seine eigenen Boilies produzierte und vertrieb. Irgendwann biss dann der erste Wels auf einen der Boilies. Ein weiteres Zeichen der Veränderung unseres Lieblingsgewässers.
Die Suche nach einer anderen Art des Angelns
Ich brauchte eine andere Art des Angelns. Mehr in der Natur sein, ohne viel Material unterwegs, etwas, das durchgängig den Raum im Kopf mit Ruhe füllt. Zurück in Süddeutschland hatte ich schon länger mit dem Gedanken gespielt, das Fliegenfischen zu versuchen. Der Ruf der schwierigen Wurf-Technik und vor allem der Mangel an zugänglichen Salmonidengewässern schreckten mich ab. Dann aber entdeckte ich auf Hejfish eine Tageskarten-Strecke im oberen Albtal im Nordschwarzwald. Nur 30 Minuten Autofahrt und bezahlbar. Ich suchte auf Kleinanzeigen eine gebrauchte Ruten-Combo und holte sie für 25 € ab. Die Rute, Rolle sowie Schnur waren eine Katastrophe, aber so kam ich für studentenfreundliche 50 € inkl. Tageskarte ans Wasser.
Gestrüpp, Wild-Gemüse und die erste Forelle
Ans Wasser oder zumindest ins Gestrüpp, da der Bach an vielen Stellen kaum watbar und sehr dicht bewachsen war. Immerhin landeten so auch einige Stangen junger Staudenknöterich in meinen Taschen;um das Abendessen zu sichern, sollte sich kein Fangerfolg einstellen. Tatsächlich erbarmte sich dann doch noch eine Rotgetupfte meiner Nassfliege, die ich unter ein unterspültes Ufer treiben ließ. Aber unabhängig vom Fangerfolg: Ich war hooked! Das war meine Art zu fischen. Immer in Bewegung, immer am Erkunden – egal ob Botanik oder Ruine einer alten Mühle, durchs Gestrüpp an Orte, an denen sonst niemand war.
Vom Indianer-Fischen zum Fliegenfischen
So schlug ich mich noch einige Male mit Indianer-Fischen durch, bis ich durch Claude Behr im nahegelegenen Elsass einen geeigneten Mentor fand, der mich in die Grundlagen des Fliegenfischens einwies. Hierbei war auch der von ihm initiierte Forellenteich Réservoir des Cigognes exklusiv für Fliegenfischer Gold wert. Hier konnte ich ohne Gebüsch das Werfen üben, nicht-angelnden Freunden und Familienmitgliedern die Faszination zeigen und ohne schlechtes Gewissen meinen Fang verspeisen. Solche Orte sind in meinen Augen wichtig, um die Zugänglichkeit unserer Leidenschaft zu waren. Vor allem, weil unsere naturnahen Gewässer unter immer größerem Druck stehen. Die größte Freude blieben aber die Entdeckungstouren in der weiteren Umgebung. Je unzugänglicher, desto besser.
Nehmt mal wieder jemanden mit
Ich glaube, wir vergessen manchmal, wie obskur und elitär das Fliegenfischen von außen erscheinen mag. Deswegen mein Aufruf: Nehmt mal wieder jemanden mit und teilt unsere Faszination für eine Art des Angelns, bei der nicht nur der Fangerfolg im Zentrum steht.
Mein Bruder ist inzwischen natürlich auch mehr Fliegenfischer als Karpfenangler. Seine Definition von Glück: Acht Stunden Autofahrt, zwei Tage bei knapp über Null im Nieselregen in der Ostsee stehen und keine Meerforelle fangen.